Roberto Juarroz: DRITTE VERTIKALE POESIE & VIERTE VERTIKALE POESIE

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Der andere, der meinen Namen trägt,
hat damit begonnen, mich zu verkennen.
Er erwacht, wo ich einschlafe,
verdoppelt meine Überzeugung, abwesend zu sein,
nimmt meinen Platz ein, als ob der andere ich wäre,
ahmt mich in Schaufenstern nach, die ich nicht liebe,
spitzt mir die versagten Mulden zu,
verstellt die Zeichen, die uns vereinen,
und besucht ohne mich die anderen Versionen der Nacht.

Seinem Beispiel folgend,
beginne ich nun, mich zu verkennen.
Vielleicht existiert kein anderer Weg,
uns anfänglich kennenzulernen.

(III/I-2)

TERCERA POESÍA VERTICAL & CUARTA POESÍA VERTICAL – DRITTE VERTIKALE POESIE & VIERTE VERTIKALE POESIE
Gedichte, zweisprachig: Spanisch – Deutsch

ISBN 978-3-927648-53-1

Einband, broschiert
301 Seiten
14 × 21 cm
20,00 Eur[D] / 21,00 Eur[A] / 25,00 sFr

Juarroz-Werkausgabe Band 2. Zwei Einzeltitel aus den Jahren 1965 und 1969 in einem Band. Aus dem Spanischen von Juana und Tobias Burghardt. Mit einem Brief von Julio Cortázar

Edition Delta, Stuttgart 2014

Freund Juarroz:

Verzeihen Sie, dass ich so lange brauchte, um Ihnen zu antworten, aber erst kürzlich kehrte ich nach Paris zurück, nachdem ich einige Monaten in Wien arbeitete. Seit geraumer Zeit wollte ich Ihnen sagen, dass mir die Zeitschrift sehr gefällt, weil ich aus der Ferne die neuen und jungen Stimmen Argentiniens vernehmen kann. Aber ich schreibe Ihnen jetzt aus einem anderen, dringenderen Grund: ich habe gerade die ZWEITE VERTIKALE POESIE gelesen und bin noch ganz fasziniert davon, ohne jenen Schritt nach hinten zu machen, den wir unumgänglich tun, nachdem uns ein Poet ein wenig auf dem Weg zur großen Wahrheit seiner Welt, der Welt, vorwärtskommen ließ. Ihre Gedichte gehören für mich zum Höchsten und Tiefsten (das eine wegen des anderen, natürlich), das in diesen Jahren in der spanischen Sprache geschrieben wurde. Ich hatte stets den Eindruck, dass Sie es schaffen, das, was Sie suchen, zu Gesicht kommen zu lassen in einer Sichtweise, die völlig frei ist von Unreinheiten (wörtlichen, dialektischen, historischen) und die in der Morgenröte unserer Welt die vorsokratischen Poeten hatten, jene, die die Professoren als Philosophen bezeichnen: Parmenides, Tales, Anaxagoras, Heraklit.

Ihnen (und ihnen) genügt es, sich umzuschauen, damit je­de prosaische Sicht in Stücke zerfällt angesichts dieser gesamten Aneignung des Daseins durch die Poesie. Ich ha­be die Gedichte laut gelesen, was mir mehr liegt (andere entziehen sich mir oder verlangen nach einer Interpretation, was vielleicht ein Selbsttrost ist, weil sie nicht gleich intuiert werden können). Und jedesmal hat sich diese überraschende Empfindung der Verwunderung, Verzückung und Anverwandlung eingestellt. Ich habe immer eine Poesie geliebt, die aus der Umkehrung der Zeichen entsteht; der Gebrauch der Abwesenheit bei Stéphane Mallarmé, einige „Anti-Essenzen“ bei Macedonio Fernández, die Pausen in der Musik von Anton Webern. Sie aber steigern jene Umkehrungen bis zum Unglaublichen, was in anderen Händen lediglich als Wortspiel endet. Und dann sind jener sehende Blick und der Blick, der nicht sieht, einmal in einem gleichen Faden zusammengedreht, etwas wunderbar Fruchtbares, eine Erfindung des Seins. Seit langer Zeit habe ich keine Gedichte mehr gelesen, die mich derart berührten und begeisterten wie Ihre, und das sage ich Ihnen in dieser Eile und ohne erneutes Nachlesen, denn am Ende wird man ganz dumm und so viele wohlklingende Worte beängstigen. Aber ich fühle, dass Sie mir glauben werden und dass wir nunmehr Freunde sind, und eine Umarmung.

Julio Cortázar

Stimmen

Roberto Juarroz

Einfach wunderbar klare Gedichte, Nähe und Weite in einem, worin alles ineinander übergeht, die Einsamkeit eine Prüfung der Wirklichkeit ist, mit dem Gedanken etwas geöffnet wird zwischen dem Wort und der Stille. Eine Philosophie des Blickes, der sich beim Schauen selber erschafft. Poesie des Alltags, wenn die Dinge in ihre Anwesenheit fliehen, Lichttheorien, einen das Sehen lehren: „Eine brennende Lampe/ mitten am Tag,/ ein verlorenes Licht im Licht“.

Walle Sayer

Roberto Juarroz schreibt mit einer bestürzenden Klarheit über die großen Fragen und wie sie in der Sprache erscheinen. Eine Mischung aus Mystik und Klarheit, von Philosophie und von Anschauung durchtränkt, ein intellektuelles und hohes sinnliches Vergnügen.

Michael Krüger

ÄUSSERSTE GRENZEN SPÜREN

(Über Roberto Juarroz Vertikale Poesie)

In einem Schreibseminar vor einigen Jahren regte einer der Teilnehmer an, mehr philosophische Texte zu lesen, statt Einzelkritik zu betreiben. Er nannte Epikur, Seneca, Aristoteles, Schopenhauer – Philosophen, die ihre Philosophie aus der Lebenspraxis entwickelten und nicht Systeme der Moral, der Wirtschaft oder der Gesellschaft antizipierten. Die Antwort war seltsam, es war dieses bekannte Vorurteil, dass die Dichtung dadurch ‚verkopfe‘. Der Kult des unmittelbaren Gefühls wurde zelebriert, der aphoristischen Parlandozeile, der gedanklichen Schlichtheit. Für den Argentinier Roberto Juarroz (1925-1995) ist in der Dichtung nichts wichtiger als das Nachdenken über den philosophischen Zustand des Menschen und seine existenzielle Haltung, seine Dichtung ist eine spezielle Form der Philosophie. Er denkt den Existenzialismus neu, nicht vom Grund einer gesetzten Annahme her, er denkt ihn in Bewegungen, in unmittelbaren körperlichen Prozessen.
Juarroz ist ein ausgesprochen kühner Dichter, dem es allein um die Frage geht, wie man das menschliche Dasein in seiner Tiefe und seinen Widersprüchen erfassen kann. Er hat dazu die Vertikale Poesie erfunden. Vertikal bedeutet, Gedichte wie Sonden in die Wirklichkeit, die menschliche Natur, das was man erkennen kann, zu legen.
Gott ist ein wiederkehrendes Element bei Juarroz, Gott aber nicht in Verfügung für dieses und jenes (menschliche) Begehren, ja Gott wird durch radikale Gottkritik erst erkennbar. Genauer – in der Kritik an dem, wie sich Menschen Gott vorstellen. Juarroz praktiziert die radikale Gegendichtung zu allem emotional Erlebten, die radikale Kritik auch an allem Erkennenwollen, von dem was Gott sagt und was er angeblich will. Juarroz dekonstruiert den Gottesbegeriff – aber nicht dadurch, dass er Gott verwirft oder wie es heute Mode ist, durch biologische und naturwissenschaftliche Parameter substituiert, er will etwas Paradoxes. Gott ist da und er ist nicht da, Gott ist fern und ist nah, Gott ist nicht und ist, Gott ist menschliche Projektion und zugleich etwas Anderes. Gott ist ein Wort, aber ohne mythologischen Bezug, zu Gott gehört der Nichtgott und umgekehrt. Gott ist konkret in seiner Nichterkennbarkeit.
‚Das Licht spielt in der Nacht mit meinem Blut, / aber ich bin nicht Gott, um es zu erlösen/ und ich möchte auch keinen ausgeborgten Gott …,/ aber manchmal berühre ich Gott mit den Füßen, wenn ich barfuß laufe.‘
In der Edition Delta sind nun zwei Bände der Vertikalen Poesie von Roberto Juarroz erschienen, Vertikale Poesie & Zweite vertikale Poesie (Band 1), Dritte Vertikale Poesie & Vierte vertikale Poesie (Band 2), übersetzt und herausgegeben von Juana und Tobias Burghardt. Eine großartige und sprachlich wunderbare Leistung, die die Übersetzer und Herausgeber hier geschaffen haben. Obwohl Juarroz‘ Werk zur Weltliteratur gehört, ist seine Dichtung in Deutschland wenig bekannt. Um so schöner, dass die deutschen Leser die ersten zwei Bände (es gibt im Spanischen im Gesamtwerk noch weitere Bände der Vertikalen Poesie) nun vorliegen haben.
Dichtung ist bei Juarroz der phänomenologischen Sinnfrage ähnlich. Er geht von den konkreten Dingen aus, von Körpern und Körpererfahrungen. Spur, Tastsinn und Blick, Bejahung und Verneinung, Wahrheit und Täuschung, aus diesem dialektischen Gefüge kommt seine Dichtung. Äußerste Grenzen der Gedanken, Dichtung im Raum und Nichtraum, Vakuum und Fülle. Juarroz bat wie Dante eine Welt- und Erkenntnisdichtung im Sinn. Dante steht am Anfang der Renaissance, als der Mensch seine ’selbstverschuldete Unmündigkeit‘ (Kant) abstreift. 1m 21. Jahrhundert ist die Taubheit und Blindheit gegenüber der inneren und äußeren Welt zu nennen, die Taubheit gegenüber der Natur und der Lebendigkeit – all dem gegenüber, was keinen technischen oder ökonomischen oder machtgestützten Vorteil bringt. Juarroz gleicht Dante, er hat keinen Vergil, der ihn begleitet, Vergil ist hier radikal mathematisiert zugunsten einer vertikalen Linie, die sich von oben nach unten oder unten nach oben durch das dialektische Gefüge seiner Dichtung zieht und alle Gott-, Körper- und Lebensdinge in einer großen poetischen Sondierung umfasst. Juarroz hat die Seins-Erkenntnis zum Ziel, die durch große Dichtung entsteht.

Matthias Ulrich, NOXIANA – Nr. 29, Zeitschrift für Literatur und Zeichnung, Winter 2014/2015

Poesie und Wirklichkeit

Der Argentinier Roberto Juarroz (1925-1995) gehörte zu jenen wahrhaft Großen der Literatur, die über Wesen, Wert und Wirkung der Dichtung mittels Lyrik und Essay nachdachten. Zwar ist der poetologische Essay mit 25 Gedichten erstmals vor drei Jahren auf Deutsch bei Tropen erschienen, doch erst jetzt, anlässlich des Buchmesseschwerpunktes Argentinien und der Neufassung in der Edition Delta, wird die universelle Bedeutung des argentinischen Lyrikers und Essayisten bewusst. Seine Verse sind in mehr als 20 Sprachen übersetzt worden. Anhand von 25 Gedichten aus seinem lyrischen Großprojekt „Vertikale Poesie“ lotet der wohl wichtigste Poet Lateinamerikas zentrale Themen unserer Existenz aus. Er denkt über das Verhältnis von Sprache, Sein und Nichtsein nach, definiert aus immer wieder anderen Blickwinkeln den Sinn der Poesie und ihr Verhältnis zur Wirklichkeit, zur Macht, zu Freiheit, Stille, Einsamkeit, Warten, Liebe, Tod, Raum, Zeit, Geist, Einheit und Wahrheit. „Jeder wahre Dichter ist ketzerisch“ heißt es und „Der Dichter kämpft beim Schreiben um die ganze Würde und die ganze Größe, die mit der Kleinheit des Menschen zusammenhängt. Und er kämpft nicht nur, er triumphiert auch, wenn er die Lampe zum Weiterbrennen bringt, die viele auslöschen wollen – und ohne die es nicht möglich ist zu leben.“ Anknüpfend an eine Parabel aus der chassidischen Tradition, die vom Weitergeben von Ritualen spricht, die Unglück vom jüdischen Volk abwehren sollen, begründet er überzeugend die Notwendigkeit von Erzählung, Illumination und Vision im Gedicht. „Die Welt ist der zweite Bezirk / einer unvollständigen Metapher“ behauptet eines der Gedichte aus der „Fünften vertikalen Poesie“. Am Ende kommt Juarroz zu dem Schluss, dass Poesie Schöpfung und Zerstörung zugleich sei.

Dorothea von Törne (Die literarische Welt, 2. Oktober 2010)

Der Buchapplaus

‚Poesie ist die Rettung vor jenem unerklärlichen Sturz (in den Wahnsinn).‘ Roberto Juarroz Die Edition Delta legt nun einen Essayband der Poetik des großen argentinischen Dichters vor. ‚Die Poesie verlangt nicht weniger als das Leben‘, ist seine Maxime und er belegt diesen Satz mit der Geschichte von einem Dichter, der in einem Gefängnis gequält und gedemütigt wird. Er soll unterschreiben, er sei kein Dichter mehr, dann werde er entlassen. Er weigert sich, unterschreibt nicht und geht zurück in die Zelle. Juarroz legt in präzisen Sätzen seine Haltung dar. Mut und Poesie gehören zusammen. Leben gibt es nur im Zusammenhang mit beiden Elementen. Tobias und Juana Burghardt haben diesen Essayband übersetzt und herausgegeben.

Matthias Ulrich (NOXIANA – Nr. 16, Herbst 2010)

Argentinien – das Land der Bücher

In kaum einem anderen Land wird so viel gelesen und geschrieben wie in Argentinien. Gleich mehrere Verlage haben diese Vielfalt für sich entdeckt und führen regelmäßig argentinische Schriftsteller in ihrem Programm. Neben Borges ist Cervantes-Preisträger Juan Gelman einer der großen Autoren Argentiniens – er ist Teil des umfangreichen Verlagsprogramms des Literaturverlages Edition Delta. Hier erscheinen außerdem die Argentinier Alberto Szpunberg, und der mehrfach ausgezeichnete Roberto Juarroz. Die Buchmesse lädt also dazu ein, sich in die argentinische Literatur einzulesen.

Stefanie Schäfer (YAEZ Die Jugendzeitung – Buch, September/Oktober 2010)

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