Toegye: Als der Hahn…

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TOEGYE

Rückkehr in die Einsamkeit hält gesund,
Rückkehr zum Lernen bereitet Mühe im Alter,
zum Bach zog ich erst kürzlich und betrachte sein Fließen,
dabei denke ich jeden Tag über mich nach.

AUF DIE STILLE DES WASSERS LAUSCHEN

Vor mir plätschert ein Bach,
in der Ferne strömt ein Fluß,
viele hören nur die Musik,
wer lauscht der Stille?

Als der Hahn im Dorf am Fluß krähte, hing der Mond noch im Dachgesims
Gedichte

ISBN 978-3-927648-34-0

Einband, broschiert
125 Seiten, 1 s/w Autorenfoto
15,6 × 15,6 cm
17,50 Eur[D] / 18,50 Eur[A] / 23,00 sFr

Gedichte 1515-1570. Herausgegeben und mit einer Zeichnung von Juana Burghardt. Deutsche Fassungen von Tobias und Juana Burghardt auf der Grundlage der Vorarbeit von Doo-Hwan und Regine Choi. Mit einem Nachwort von Tobias Burghardt

Edition Delta, Stuttgart 2011

TOEGYE, eigentlich Lee Hwang oder Yi Hwang, geboren 1501 in Ongyeri bei Andong, Provinz Kyongsanpukdo, war der jüngste von sieben Brüdern und einer Schwester. Schon als kleiner Junge brachte ihm sein Onkel Yi-Ho die Lehrgespräche »Lunyü« von Konfuzius näher. Und er begeisterte sich für die Gedichte des großen chinesischen Dichters Do Yeonmyong (365-427), auch Tao Yuanming oder Tao Qian genannt, des berühmten Meisters der fünf Weiden. So eiferte er ihm nach und schrieb seine ersten Gedichte. Mit 14 Jahren entstand beispielsweise sein Hanshi-Vierzeiler »Der Krebs«, der den »Auftakt« in dieser chronologischen Werkauswahl bildet. Als er 20 Jahre alt war, vertiefte er sich in das »Buch der Wandlung« (I Ching) und setzte sich mit neokonfuzianischen Schriften auseinander. Er verließ seine Heimat im Südwesten der koreanischen Halbinsel und ging 1523 zum Grundstudium der Geisteswissenschaften nach Seoul, das er 1528 mit der Jinsa-Prüfung abschloß. Er begann im Anschluß daran seine Amtslaufbahn als Inspektor und war »Im Dienst der Königs unterwegs«, wie das zweite Kapitel lautet. Er bereiste dabei mehrere Provinzen und besuchte die geschichtsträchtigen Ortschaften berühmter Dichter und Gelehrter, worüber er bisweilen gerne schrieb.

Mit 33 Jahren lebte er erneut in Seoul und legte im Folgejahr die geisteswissenschaftliche Staatsprüfung in Literatur, Geschichte und Philosophie ab, die ihn zum gehobenen Dienst in der königlichen Regierung der Choson-Dynastie befähigte. Als seine Mutter starb, kehrte er in das Dorf seiner Kindheit zurück und trauerte drei Jahre, bevor er mit 39 Jahren seine königlichen Amtsgeschäfte wieder aufnahm. Er verabscheute die machthascherischen Intrigen am Königshof – einer seiner Brüder wurde ein Opfer einer großangelegten politischen Säuberungsmaßnahme – und war für seine moralische Integrität und unbestechliche Diensttreue bekannt, zumal er zu unterschiedlichen Anlässen die Hauptstadt verließ, um seine festen Grundsätze weiterhin wahren zu können. Mit 43 Jahren genoß er ein Freijahr – »Die Zeit im Lesehaus«, wie das zweite Kapitel heißt, in dem er sich am Rand der Hauptstadt weiterbilden sollte und vom König mit allerlei Speisen und Trank beliefert wurde. Seine poetischen und philosophischen Zwiegespräche mit chinesischen und koreanischen Klassikern spiegeln sich gerade in jenen Gedichten wider. Aber vor allem wuchs die innerer Zwiespältigkeit, sowohl Dichter und Philosoph, der allzugerne in der ländlichen Heimat leben möchte, als auch königlicher Amtmann im Bann der Hauptstadt zu sein. Schließlich zog er sich mit 49 Jahren in »Das ersehnte Landleben« zurück, wie das dritte Kapitel überschrieben ist.

Toegye folgte seinem großen Vorbild Konfuzius, um als Privatgelehrter zurückgezogen in seiner Heimat zu leben. Dort gründete er in Dosan bei Andong die Privatakademie »Dosan-Seowon« für konfuzianisches Gedankengut, die dann als »Toegye-Schule des Denkens« bekannt wurde und vier Jahrhunderte eine führende koreanische Akademie war. Bis zu seinem Tod 1570 wurde Toegye wiederholtermaßen zu immer höheren Ämtern berufen, aus denen er sich regelmäßig alsbald wieder entlassen ließ. Im Verlauf seines bewegten Lebens diente er den folgenden vier Königen: Jungjong (1506–1544), Injong (1544–1545), Myeongjong (1545–1567) und Seonjo (1567–1608). Er zählt mit dem jüngeren Dichter und Philosophen Yulgok (1536-1584), eigentlich Lee Sukheon oder Yi I, zu den großen Denkern des koreanischen Neokonfuzianismus und gleichzeitig zu den bedeutenden koreanischen Dichtern des 16. Jahrhunderts, die ihre Werke noch mit chinesischen Zeichen schrieben, die erst später in koreanischen Lautzeichen transkribiert worden sind, danach ins Koreanische. Sein Werk umfaßt mehr als zweitausend Gedichte und mehrere hundert philosophische Schriften. Für diese Werkauswahl haben Doo-Hwan und Regine Choi die Textgrundlage akribisch erarbeitet, aus der die deutsche Fassung anschließend entstanden ist. Nun können 53 Gedichte des koreanischen Denkers Toegye erstmals hier entdeckt und bekannt werden.

Eine bemerkenswerte Eigenheit seiner Poetik ist die Lehre des Pung ryu do, »der Kern der drei Lehren, nämlich Konfuzianismus, Buddhismus und Daoismus« (Choi Chi Un), eine tiefsinnige koreanische Naturphilosophie, deren traditionelle Spuren Toegye nicht allein nur sucht, sondern selbst als Pungryudo-Meister gestaltet und vorlebt, was ihm besonders im vierten Kapitel »Lehrer in der Heimat« gelingt. Dabei verquicken die poetischen Motive der Gestaltlosigkeit, Abgeschiedenheit und Vervollkommnung durch Nichttun des Daoismus, der großen Leere und des Sitzens im leeren Raum der zen-buddhistische Betrachtung mit jener Klarheit und wachen Helle der konfuzianischen Erkenntnis. Er versöhnt sozusagen die Rationalität Li mit der Lebensenergie Qi und erlangt ein metaphysisches Herzdenken, das sowohl ethische als auch ästhetische Früchte nach sich trägt. Toegye spricht mitunter in der Stimme des Wassers oder der Pflaumenblüte und verleiht Felsen, Hochtälern und Flüssen neue Bezeichnungen, die noch heute gelten. Interessant sind zudem die Pavillon-Gedichte, die einerseits den Namen im Titel führen und andererseits eine landschaftsverbundene Architektur aufweisen, die mit den Jahreszeiten und augenblicklichen Naturereignissen als Lebensraum der Poesie korrespondiert. Nicht allein den Denker Toegye, sondern gerade auch den Dichter Toegye gilt es zu beachten.

Tobias Burghardt (Jadeperlen)

Stimmen

Der Buchapplaus

Einen der schönsten Titel für einen Gedichtband fand ich in der Edition Delta: Als der Hahn im Dorf am Fluß krähte, hing der Mond noch im Dachgesims. Poetisch und einprägsam wie ein Hokusai-Bild. Toegye heißt der Dichter dieser Zeile und lebte im 16. Jahrhundert in Korea als Philosoph und Dichter. In dem Gedicht Den Mond genießen heißt es: „… Über dem Tempeldach hängt ein kalter Spiegel / in der tiefen Nacht glimmt Weihrauch … / mir ist wahrlich gelungen, das Alleinsein zu lieben.“

Wie sehr hängen Inspiration, Naturempfmden und das Fürsichsein zusammen, das zeigt Toegye sehr gelassen und einfach. Oder im Besuch beim Pflaumenbaum: „Pflaumenbaum, du stehst beim Jadehaus am See, / wie oft bin ich dorthin geritten, nur um dich zu sehen. / Jetzt komme ich von der weiten Heimreise wieder / und lasse zum Abschied den Oksan einstürzen …“, womit eine gewisse Trunkenheit gemeint ist, Ausdruck von Lebensfreude und dem Verlangen zu träumen. Überhaupt – Traum, Distanz, Trunkenheit, immer wieder spielen diese Momente hinein und Toegye findet Bilder für diesen Moment der Reflektion, des Innehaltens: „…ich hadere nicht mehr mit dem unergründlichen Willen der Götter, / sitze im leeren Zimmer und erkenne mich in meinen Gedanken.

Oder Bücherlesen. Toegye findet eine Formel dafür: „Bücher sind Herzgedanken aus tausend Jahren / zwar weiß ich, daß es nicht leicht ist, sie zu lesen, /aber darin begegne ich den großen Unsterblichen …“

Bücher werden zu Orten der Begegnung, zu Glückserfahrungen, weil sie ein Erkennen ermöglichen, das sich nicht aus irgendwelchen psychologischen Ratgebern speist. Ein Bogen spannt sich zwischen den Gedanken eines Dichters im Korea des 16. Jahrhunderts und einem Gedichtleser von heute, vier Jahrhunderte und ein paar Kulturkreise weiter. Flaschenpost aus ferner Zeit für uns Heutige. Übertragen in klare, bildhafte Sätze, die sich einprägen.

Matthias Ulrich (Noxiana – Zeitschrift für Literatur und Zeichnung, Nr. 19, Herbst 2011)

Pavillons, Kraniche, Pflaumenblüten

SWR2-Audio

Das 16. Jahrhundert war für koreanische Beamte eine gefährliche Zeit. Immer wieder kam es zu politischen Säuberungen. Im besten Fall wurden die Opfer nur aus dem Staatsdienst entlassen; viele aber wurden verbannt oder sogar hingerichtet. In dieser Zeit kam der Provinzbeamte Yi Hwang an den königlichen Hof in Seoul. Er versuchte, sich von politischen Intrigen fernzuhalten. Ein integrer Mann, der unter seiner Arbeit am Hofe oft litt. So schieb er in einem Gedicht:

1. Zitat aus „Als der Hahn…“ (S. 28)

Im Dickicht von Ruhm und Reichtum
verliert man sehr leicht seine Seele und kann nur
angetrunken tapfer sein.

Yi Hwang gab sich selbst den Dichternamen Toegye. Unter diesem Namen ist nun auch erstmalig eine Auswahl seiner Gedichte auf Deutsch erschienen. Die 53 Texte tragen den langen und daher etwas ungeschickten Titel: „Als der Hahn im Dorf am Fluß krähte, hing der Mond noch im Dachgesims“. Toegye hinterließ insgesamt mehr als 2.000 Gedichte und mehrere hundert philosophische Schriften. Er ist einer der bedeutendsten neokonfuzianischen Dichter der mittleren Joseon-Dynastie, und bis heute geht er jedem Südkoreaner täglich durch die Hand, denn sein Konterfei ziert die kleinen 1.000-WonScheine. Toegye selbst hielt mehr vom Lesen als vom Geld:

2. Zitat aus „Als der Hahn…“ (S. 63)

Ich weiß: fünf Wagen voller Bücher
wiegen mehr als Tausende mit Gold.
Die höchste Freude lag nie in der Außenwelt.

Trotzdem war er ehrgeizig. Zunächst war er im Dienste des Königs als Inspektor unterwegs. Von diesen Reisen zeugen die im ersten Kapitel zusammengestellten Gedichte. Oft machte Toegye Rast an besonders schönen Stellen, die er auch beschrieb: an einem Fluss, am Fuße eines Berges, in einem Pavillon mit hübscher Aussicht, in einem Tempel oder an einer Gedenkstätte. Dort fand er häufig Inschriften vor, die die Jahre überdauert hatten: Manche wurden in einen Fels gemeißelt, andere hingen als vergessene Rollbilder an einer Wand, oder sie wurden in den Boden einer Waschschüssel geritzt. Oft priesen diese Sätze die Schönheit der Natur, und Toegye griff sie gerne in seinen Gedichten wieder auf. Die Natur empfand er als ewig, während ihm das politische Getriebe am Hofe vergänglich erschien. Bis an den Yalu, den Grenzfluss zu China, brachten ihn seine Reisen. Dort besuchte er einen Pavillon, der dem koreanischen Militär als Aussichtspunkt diente:

3. Zitat aus „Als der Hahn…“ (S. 30)

Ich steige zum Pavillon hinauf und betrachte den Fluß,
an der fernen Himmelsgrenze wandelt er sich zum Meer;
würden diese frühlingsgrünen Gewässer zu Wein,
linderten sie dennoch nimmer den Schmerz aller Trennungen.

Sätze, die seltsam aktuell anmuten, denn immer wieder verließen Koreaner hier ihre Heimat. Heute sind es Nordkoreaner, die über den Yalu nach China fliehen.

Zurück in Seoul qualifizierte sich Toegye schließlich für den gehobenen Dienst bei der königlichen Regierung. Er wurde sehr geschätzt und durfte sogar längere Zeit im so genannten „Lesehaus“ verbringen, eine Art Bildungsurlaub. Dort entstanden weitere Gedichte. Toegyes Texte wirken überraschend ruhig, fast weltabgewandt, wenn man bedenkt, dass kurz nach seiner Zeit im Lesehaus der König starb und aufs Neue Beamte verstoßen wurden. Toegye aber reflektierte lieber Schriften von Laotse, Konfuzius und anderen Denkern, die ihm wichtig waren. Auch einige innige Freundschaftsgedichte hat er verfasst.

Toegyes Lyrik ist gedanklich stark vom Neokonfuzianismus geprägt. Auch viele seiner Motive – Pavillons, Kraniche, Pflaumenblüten – sind Evergreens aus der chinesischen und koreanischen Tradition. Trotzdem wirken seine meist recht kurzen Gedichte nicht vorgestanzt, sondern sehr persönlich. Sie illustrieren die verschiedenen Stationen seiner Autobiographie: sein Hadern mit den politischen Ämtern und seine Sehnsucht nach Eltern und Freunden. Sie problematisieren den Umgang mit Ruhm und Habgier und beschreiben das Glück, das der Dichter bei seinen Spaziergängen in der Natur erlebt. Die Gedichte sind in der lyrischen Tradition Koreas verortet, und doch nicht veraltet. So kann man das letzte Gedicht in dieser Sammlung auch auf Toegyes Texte selbst beziehen:

4. Zitat aus „Als der Hahn…“ (S. 112)

Bücher sind Herzgedanken aus tausend Jahren,
zwar weiß ich, daß es nicht leicht ist, sie zu lesen,
aber darin begegne ich den großen Unsterblichen,
die Worte in ihren Werken betreffen auch mich.

Katharina Borchardt (SWR2 – Die Buchkritik, 20. September 2011)

 

Yi Hwang (1501-1570)

Yi Hwang, better known by his penname TOEGYE, was one of the most eminent Confucian scholars of the Choson era. He devoted his life to sholarship and education.

Kevin O’Rourke
(Mirrored Minds: A Thousand Years of Korean Verse)

 

Moving House (hanshi)

This is a remote place; visitors seldom come;
deep mountain folds where the sun sets easily.
Life here I know is poor,
but it’s better than having the body rule the heart.

Translated by Kevin O’Rourke

 

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