Desglaç – Tauwetter
Gedichte, zweisprachig: Katalanisch - DeutschISBN 978-3-927648-24-1
Einband, broschiert
190 Seiten
15,6 × 15,6 cm
17,50 Eur[D] / 18,00 Eur[A] / 30,00 sFr
Aus dem Katalanischen von Juana und Tobias Burghardt. Titelbild von Juana Burghardt
Edition Delta, Stuttgart 2008
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Buchbesprechung
Es ist eine schwere lyrische Kost, die Maria-Mercè Marçal ihrem Lesepublikum auftischt. Eine schwere und ebenso schwerverdauliche Kost, bei der die düsteren Bilder die Oberhand behalten. Die Termini "Blut" und "Tod" ziehen sich leitmotivisch durch die Gedichtauswahl der viel zu früh verstorbenen katalanischen Autorin (1952 - 1998), die zeit ihres Lebens mit der Kraft der Worte gegen den Zustand rebellierte, "als Frau geboren zu sein, von niederer Schicht und unterdrückter Nation." Marçal war Verlagsmitbegründerin, Übersetzerin, Romanautorin und Lyrikerin, die bereits als 24jährige für ihr Debüt "Cau de llunes" mit dem Poesiepreis Carles Riba ausgezeichnet wurde.
"Tauwetter", übersetzt von Juana und Tobias Burghardt und als deutsch-katalanische Ausgabe ediert, splittet sich in mehrere Gedichtzyklen auf. Nagender Abschieds- und Erinnerungsschmerz bestimmt den Zyklus "Daddy", der den Tod des eigenen Vaters umkreist. "Ich finde aus dieser Sackgasse nicht hinaus, blutig abgeschnitten / von der Mauer, wo mich die Schatten in Trauer hüllen" - das ist die Sprache Marçals, eine Sprache der bitteren Verzweiflung, der Wehmut, der Melancholie.
Befreiende Lichtblicke, Zuversicht und Hoffnung sucht man auch in den anderen Zyklen "Beuteschatten" und "Lichtschmuggel" vergebens. Dafür tritt ein ums andere Mal Marçals autobiographisch unterlegte Zerrissenheit zwischen gesellschaftlichen (Sexual-)Konventionen und der "Sünde" ihrer lesbischen Liebe hervor. Ohne das lyrische Ich zu trennen, bringt Marçal erotische Komponenten ins Spiel, kehrt ihr Tiefinnerstes nach außen. Verlangen und Seele und Herz, aber muss man all das wirklich wissen? "Tauwetter" lässt gespaltene Eindrücke zurück. Viele Gedichte befremden mehr als dass sie berühren oder aufwühlen, die Bilder sind mit Weltschmerz überfrachtet. Der chronische Pessimismus ermüdet, der überstrapazierte Gebrauch des Todesmotivs droht das Interesse ersterben zu lassen - doch plötzlich ist man wieder hellwach und gerät in den sprachlichen Sog. "Feine Liebe, äußerstes Spiel, zartes Gold, / du brennst in mir, ohne mich in Asche zu verwandeln", heißt es dann. Oder: "Liebe, gib mir deine Schwäche zu trinken,/ wenn du nicht willst, dass ich aus Liebe verblute." Leider kommen solch kleine Genialitäten vergleichsweise selten vor und stehen neben holprigen Bildern: "Beim Biss meiner Wörter/ öffnet sich mir dein Geist wie Obst, / und das Fruchtfleisch löst sich in meinem Fleisch auf." Das schönste Gedicht indes greift das Tauwetter-Motiv des Buchtitels auf:
"Wenn der Fluss, mitten im Tauwetter, / zur Quelle / zurückfließt / und sein verirrter Kurs sich / wie ein Spiegel/an deinem Gesicht weidet und es mir / jenseits von dir zurückgibt, in Finsternis und matte / Schrecknis verwandelt. Dann sollen mir Blindenaugen wachsen, / lebendige Augen / an den Fingerspitzen, / damit ich dich lesen kann und mich nicht / in der alten Tarnung / ohne Umrisse verirre, / die wie ein Brunnen / meine Nacht verschlingt."
Andreas Drouve
(HISPANORAMA 124, Mai 2009)
Schlaf, kleiner Fleischkloß, den meine Lippe einfängt
Die Liebe - vielleicht ist sie gar nicht jenes Paradies, das so gerne besungen wird, sondern der "stumpfe Krummsäbel eines Engels", voller Rost und hässlicher Scharten. Die katalanische Dichterin Maria-Mercè Marçal (1952-1998) war eine Meisterin der schrägen Metapher. In ihren hellwachen Versen tastet sie die Nahtstellen zwischen den Wörtern und den Leidenschaften ab. Am spannendsten jedoch ist ihr Versuch, sich der Figur des verstorbenen Vaters anzunähern. Auf den Spuren von Sylvia Plaths "Ariel"-Gedichten wird der übermächtige, "faschistische" Erzeuger erhöht und zugleich demontiert: "Marmorschwer, ein voller Sack Gott,/Geister-Statue mit grauem Zeh/Groß wie ein Frisco-Seehund", heißt es bei Plath. Maria Marcal macht daraus ein "fahles Gespenst", das mitten hineinführt in ein Paradox. Der Tod des Vaters ist für die Tochter zwar eine Befreiung, zugleich aber verliert sie, die dem Vater immer gehorchte, ihre Identität. In Bildern voller Gewalt und Härte zeigt Mercal, wie dieser Widerspruch bis in die Sprache reicht: "sprachlos verfolge ich dich mit Wörtern". Doch am Endes scheint es gerade die Sprache zu sein, die so etwas wie Versöhnung ermöglicht: "Ich singe, damit du einschläfst, schlaf,/kleiner Fleischkloß,/den meine Lippe einfängt/und mit gestohlener Zunge küsst."
Nico Bleutge
(Stuttgarter Zeitung, 13. März 2009)
Tenia un optimisme encomanadís (...) els seus poemes eren poemes fets fora del confessionari; avui dia, els poetes més en primera fila són poetes de confessionari (...) si havia de morir qualque poeta, hauria estat preferible que en morissin d’altres.
Joan Brossa
Amb Maria-Mercè Marçal despareix la millor dona poeta que ha tingut la literatura catalana en tota la història.
Pere Gimferrer
Apreciava i admirava molt la seva poesia: la recerca constant d'una exigencia expressiva plena de rigor i de voluntat de comunicació. (...) A més de tot això trobava admirable la seva actitud vital i la seva sinceritat.
Miquel Martí i Pol

