Juan Gelman: Welteln

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WAS WEISS MAN?

Über das Gedicht, nichts. Es kommt, zittert
und streift ein erloschenes Streichholz.
Sieht man ihm etwas an? Nichts. Es streckt eine
Hand, um die kleinen
Zeitwellen festzuhalten, die durch die
Stimme eines Steglitzes ziehen. Was
fing es? Nichts. Der
Vogel flog zum Nichterklungenen
in einem Raum, der sich ohne
Mahnungen und Warte-Mal dreht.
Viele Namen stehen im Regen.
Was weiß das Gedicht? Nichts.

Welteln – Mundar
Gedichte, zweisprachig: Spanisch – Deutsch

ISBN 978-3-927648-31-9

Einband, broschiert
259 Seiten, 1 s/w Autorenfoto
15,6 × 15,6 cm
17,50 Eur[D] / 18,50 Eur[A] / 23,00 sFr

Gedichte/Poemas 2004-2007. Mit einer Zeichnung von Juana Burghardt. Aus dem argentinischen Spanisch von Juana und Tobias Burghardt. Mit einem Dichterportrait von Enrique Hernández-D’Jesús. Mit einem Nachwort von Tobias Burghardt

Edition Delta, Stuttgart

Als JUAN GELMAN 2007 mit dem renommierten Cervantes-Preis, dem wichtigsten Literaturpreis in der spanischsprachigen Welt, ausgezeichnet wurde, hatte er ein unveröffentlichtes Buch in der Schublade, in dem er seine Gedichte aus den jüngsten vier Jahren versammelte und indem er ein Wort als Titel erfand: MUNDAR. Einerseits handelt es sich um eine erstmalige Verbalisierung des Substantivs «mundo» (Welt), das neue Verb «mundar» (welteln), ein noch nie dagewesenes Wort, andererseits um eine Komposition aus den beiden Wörtern «mundo» (Welt) und «dar» (geben), das sich beim «d» verwandelt, also ineinander verschmilzt, dann «Welt geben» bedeuten könnte. Dem Dichter reicht diese Welt nicht, wie sie ist, obwohl ihm die Welt längst reicht, wie sie eben doch nicht ist, und seine weite Welterfahrung gibt er in den Gedichten weiter, überschreitet gewöhnlich bekannte grammatische Grenzen, substantiviert auch umgekehrt Verben oder tastet sich spielerisch im Sprachfluß voran. In seiner poetischen Welt bedarf der Dichter selbst keiner klaren Ideen seines Handeln, denn er glaubt, daß dies schlicht unmöglich ist. Er gehört zu jenen, die ihr schöpferisches Tun nicht erklären können. Für ihn ist die Poesie ein Instrument der Erkenntnis, um die Gründe und Abgründe des Lebens und der Geschichte allgemein und persönlich zu erfahren und zu erkunden. Demnach weiß selbst der Autor nicht mit Gewißheit, was die Poesie eigentlich ist. Vielleicht kann sie der Schatten des Schattens der Erinnerung sein oder aber der Schatten eines blattlosen Baumes.

Einige Beispiele daraus oder lieber alle 121 Gedichte auch hier frei und aus sich selbst atmen lassen? Man darf bei diesen Gedichten aufpassen und über Merkwürdigkeiten stolpern und ins Stocken geraten, um diese Poetik zu genießen, in der etwas benannt werden möchte, was noch keinen Namen hat, in der etwas neu gesagt wird und ein Schweigen mitschwingt, in der das Schweigen benannt wird und ein Nichtsein zur Sprache kommt, wiewohl nichts und niemand spricht, um ein Miteinander von Tragödie und Trost zu ermöglichen. Für Juan Gelman gilt die Poesie bisweilen natürlich als der große Trost und auch Zuversicht auf eine Zukunft. Ja, er bezeichnet sich selbst als «hoffnungslos Hoffenden».

Juan Gelman wurde 1930 in Villa Crespo, Buenos Aires, geboren, wo er aufwuchs, das Colegio Nacional besuchte und zu jener Zeit bereits erste Gedichte schrieb, bevor er in den fünfziger Jahren erstmals seine Verse veröffentlichte und schließlich der Debütband erschien. Nach seinem abgebrochenen Chemiestudium war er als Lastwagenfahrer tätig und transportierte Möbel, bevor das Interesse vor allem journalistischen Tätigkeiten galt und er Korrespondent der chinesischen Presseagentur Xinhua wurde. Sein Herz schlägt seit der jüngsten Jugend weit links, er gehörte bei den argentinischen Jungkommunisten zum «demokratischen» Block, stritt mit dem «peronistischen» Block über die Revolution und versöhnte sich wieder beim gemeinsamen Billardabend in der Bar, beim Fußballspielen oder bei Milonga und Tango. Das politische Engagement intensivierte sich in den 60er und 70er Jahren, er wurde Revolutionär und gehörte zu den Montoneros. Als er aus jener Organisation austrat, stand er auf einmal sowohl auf der Todesliste der Triple A als auch der Montoneros selbst. Juan Gelman befand sich im Untergrund, wie etliche argentinische Intellektuelle, Dichter und Künstler. Im Rahmen der Operation Cóndor verschleppten die Schergen der Militärdiktatur in Buenos Aires seinen Sohn Marcelo Ariel Gelman, dessen Leichnam 1989 auf dem Flußgrund des Río Luján in einem Betontank aufgefunden und exhumiert wurde, und seine bis heute in Uruguay verschollene Schwiegertochter María Claudia Irureta Goyena de Gelman, die noch im Militärgefängnis von Montevideo eine Tochter zur Welt brachte: Macarena wurde erst im Frühjahr 2000 bei einer fremden Familie in Montevideo aufgespürt, die das Baby kurz nach ihrer Geburt an sich genommen hatte. Das verschwundene Enkelkind war nach mehr als zwanzig Jahren endlich aufgetaucht und hat inzwischen den Namen ihrer leiblichen Eltern angenommen.

Der verfolgte Dichter war Mitte der siebziger Jahren ins Exil nach Europa geflohen, kämpfte aus der Entfernung in Rom, Paris oder Barcelona weiter gegen die Diktaturen Lateinamerikas, suchte jahrzehntelange verzweifelt nach den Verschwundenen und lebt seit den neunziger Jahren in Mexiko-Stadt. Juan Gelman bleibt ein poetischer Avantgardist, ein Mahner in Menschenrechtsfragen und sowohl ethisch als auch ästhetisch ein Vorbild für mehrere lateinamerikanische Dichtergenerationen, seine Werke wurden in zahlreiche Sprachen aller Kontinente übersetzt, die spanischsprachige Literaturszene hat erneut einen wahrlichen Nobelpreiskandidaten, der mit Borges zumindest Kleinigkeiten gemeinsam haben wird, wie er selbst einmal bemerkte. Und dem nie der ureigene Humor fehlt, um Welt zu geben und zu welteln. Das erfundene Wort gefällt ihm sehr.

Tobias Burghardt (Splitter)

Stimmen

Alleen

Tatsächlich geht es in den 121 Gedichten um das rätselhafte Dasein auf der Welt. Das Ambiente ist herbstlich, der Ton melancholisch bis verhalten optimistisch. Die Schatten der Vergangenheit ersticken die lichten Momente, sie sind allgegenwärtig und gleichsam eine Art Leitmotiv des Gedichtbandes.

So heißt es im ersten Gedicht DER APFEL: „In einer Ecke bewegt der Wind den Schatten der Blätter“, und das letzte Gedicht NEBELSCHWADEN endet mit „Befragt das schallende Gelächter der Schatten.“

Aufgehellt wird die nüchterne und illusionslose Grundstimmung noch am ehesten in den Liebesgedichten.

Margrit Klingler-Clavijo (SWR 2 – Buchkritik, 18. Mai 2011)

Aus der Welt, den Welten

Juan Gelman ist der große Sprachzauberer der lateinamerikanischen Poesie.

„Welteln“, dieses Wort, das im Spanischen „Mundar“ lautet, hat der argentinische Dichter sich selbst ausgedacht. Die Welt kommt in seinen Gedichten immer schon zur Sprache, mit all ihren „Kohlestücken“, Schatten und dem „Beben der Geschehnisse“.

Zugleich aber scheint erst die Sprache in der Lage zu sein, das ganze Dasein zu entfalten: „Diese Wörter / sind wirklicher als ich. / Sie sind Materie und keine Zeit, / in ihrem Innern liegt, / ein Stein, der nie endet.“

Leicht lässt Gelman die Sätze im Wechsel von kurzen und längeren Zeilen über das Papier wandern. Und leicht zeigen die Verse „Sommerflügel“ und neue Wörter. Die Übersetzung der Burghardts tastet dieser Bewegung nach, genau und behutsam – so daß noch das „im Hals steckengebliebene / Zittern“ spürbar wird.

Nico Bleutge (Stuttgarter Zeitung – Das Buch, 11. März 2011)

Feuer und Würde des Alters

«Welteln» – ein Gedichtband des großen argentinischen Dichters Juan Gelman

Mit dem Band «Mundar» («Welteln») knüpfen Juana und Tobias Burghardt dort an, wo sie den Faden niedergelegt hatten.

«Mundar» führt «Valer la pena» weiter, man spürt den noch einmal gewachsenen Lebensbogen des 1930 geborenen Gelman, die Wiederkehr von sehr weit Vergangenem, Vater, Mutter, das Stadtviertel in Buenos Aires, aber auch einen stärker werdenden, zuweilen überraschenden Willen zur Milde, das Wiederaufleuchten eines Hoffnungshorizonts, der in der frühen Dichtung Gelmans ganz selbstverständlich präsent war. Marco Antonio Campos, der mexikanische Dichter, dem einige Gedichte dieser beiden Bände gewidmet sind, hat «Mundar» als «Buch der Versöhnung und der Rekonstruktion» bezeichnet.

lf (NZZ – Feuilleton, 22. Februar 2011)

Schlusspunkt der Frankfurter Buchmesse: GastRollen-Übergabe zwischen Argentinien und Island

Argentinisch-Isländische Lesung als literarischer Schlusspunkt der Frankfurter Buchmesse

Der Ehrengast Argentinien übergab heute um ca. 16.30 Uhr offiziell die „GastRolle“, ein eigens für diesen Anlass geschaffenes künstlerisches Objekt, an den Ehrengast Island. Die Direktorin des argentinischen Organisationskomitees, Magdalena Faillace, gab die GastRolle ab an Sigtryggur Magnason, den Aufsichtsratsvorsitzenden des isländischen Organisationskomitees. Der feierlichen Übergabe war eine eine isländisch-argentinische Lesung mit Juan Gelman (aus seinem Gedichtband „Welteln – Mundar“) and Guðbergur Bergsson vorangegangen, moderiert von Michael Schmitt. „Die enge Beziehung zwischen Island und Argentinien ist erstaunlich und überraschend“, so Juergen Boos, Direktor der Frankfurter Buchmesse. So ist der isländische Autor Bergsson auch Übersetzer lateinamerikanischer Literatur und hat für die „GastRollen“-Übergabe den Text „Der Mann aus Patagonien“ geschrieben. Für Argentinien las Juan Gelman, der seine Gedichte den argentinischen Dichtern widmete, die im Kampf gegen die Militärdiktatur gefallen sind oder von ihr ermordet wurden.

Die GastRolle wurde 2006 von zwei Studierenden der Hochschule für Gestaltung Offenbach, Simon Schlör und Sebastian Herkner, für die Frankfurter Buchmesse entworfen. Dem Kunstobjekt, das die GastRolle symbolisiert, wird in jedem Jahr ein Auszug repräsentativer Literatur des neuen Ehrengastes hinzugefügt. Für Argentinien wurden dafür Texte der beiden argentinischen Schriftsteller José Hernandéz und Jorge Luis Borges ausgewählt, für Island ein Text von Þorsteinn frá Hamri aus „Möttull konúngur eða“ (deutsch: König Mötull oder Caterpillar).

Frankfurter Buchmesse (Newsflash, 10. Oktober 2010)

Gastland Argentinien

Die Buchmesse ermöglicht es, argentinische Dichtung nun auch gedruckt zu präsentieren, so „Mundar – Welteln“ (Edition Delta), Gedichte des Cervantes-Preisträgers Juan Gelman.

Dieter Ingenschay (Tagesspiegel – Kultur, Berlin 7. Oktober 2010)

Welteln – Mundar

Nichts liegt ihm ferner als Poesie zu definieren: „WAS WEISS MAN? / Über das Gedicht nichts.“ // Was weiß das Gedicht? Nichts“ behauptet Juan Gelman, der vor drei Jahren mit dem Cervantes-Preis, der höchsten literarischen Auszeichnung der spanischsprachigen Welt, ausgezeichnet wurde. Wo der Metaphysiker Juarroz emphatisch Gewissheiten kundtut, um sie alsbald mit dem Gegenteil zu konfrontieren, tastet sich der 1930 in Villa Crespo / Buenos Aires geborene Sohn eines jüdischen Einwanderers aus der Ukraine sprachschöpferisch voran. Er benennt Welterfahrungen, für die es noch keine Namen gibt. Dabei springt er über grammatische Grenzen, verbindet Bestandteile von Substantiven und Verben zu neuen Wortgebilden, die vor allem eines sind: mehrdeutig. Im 29-teiligen Liebesgedicht ist er auf Spurensuche zwischen dem Spanischen und Sephardischen, jener Sprache, die die 1492 aus Spanien vertriebenen Juden noch jahrhundertelang im Osmanischen Reich zu gebrauchen wussten. Ein Dichter des melancholischen Erinnerns aber ist er keineswegs. Der einstige argentinische Jungkommunist begann sich in den 60er Jahren politisch zu engagieren, verstand sich bei den Guerilleros der „Montenero“ als Revolutionär, trat aus, stand bald auf zwei verschiedenen Todeslisten und musste sich in den Untergrund begeben. Von da floh er nach Europa ins Exil. Unter der Militärdiktatur wurden sein Sohn und seine Schwiegertochter ermordet. Sein in einem Foltergefängnis geborenes Enkelkind fand er nach langer verzweifelter Suche erst nach mehr als zwanzig Jahren. Sowohl der Vatikan als auch der spätere portugiesische Literaturnobelpreisträger José Saramago sollen ihm bei der Suche behilflich gewesen sein. Gelman gilt heute als Mahner in Menschenrechtsfragen. Wider Erwarten ist er als poetischer Avantgardist ohne kämpferische Attitüden. Lapidar kommen die Verse daher und nicht ohne Humor, wenn „geweltelt“ oder „geschönelt“ wird. Flüchtig ziehen die Träume und Wünsche vorüber. Befremdlich wirkt die stete Personifizierung der Dinge. In jedem Wort wohnt unsichtbar ein Riss.
Dorothea von Törne (Die literarische Welt, 2. Oktober 2010)

Argentinien – das Land der Bücher

In kaum einem anderen Land wird so viel gelesen und geschrieben wie in Argentinien. Gleich mehrere Verlage haben diese Vielfalt für sich entdeckt und führen regelmäßig argentinische Schriftsteller in ihrem Programm. Neben Borges ist Cervantes-Preisträger Juan Gelman einer der großen Autoren Argentiniens – er ist Teil des umfangreichen Verlagsprogramms des Literaturverlages Edition Delta. Hier erscheinen außerdem die Argentinier Alberto Szpunberg, und der mehrfach ausgezeichnete Roberto Juarroz. Die Buchmesse lädt also dazu ein, sich in die argentinische Literatur einzulesen.

Stefanie Schäfer (YAEZ Die Jugendzeitung – Buch, September/Oktober 2010)

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