José Emilio Pacheco: Früher oder später

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UNSTERBLICHKEIT DES KREBSES

– Woran denkst du?

 

– An nichts, an die Unsterblichkeit des Krebses.
Anonym: Die Mexikaner, gemalt von Mexikanern

Und bei Unsterblichkeiten glaube ich allein
an deine, Freund Krebs.
Sie zerdrücken dich, werfen dich in kochendes Wasser,
überschwemmen dein Haus.
Aber Unterdrückung und Folter
führen zu nichts, zu nichts.

Nicht du, geringster Krebs,
sterblicher Panzer deiner Eigenart, vergängliches Wesen,
flüchtiges Fleisch, das an unseren Zähnen zerbricht;
nicht du, sondern deine ewige Gattung: die anderen:
der unsterbliche Krebs nimmt den Strand ein.

Früher oder später – Tarde o temprano
Gedichte, zweisprachig: Spanisch – Deutsch

ISBN 978-3-927648-39-5

Einband, broschiert
235 Seiten
15,6 × 15,6 cm
17,50 Eur[D] / 18,50 Eur[A] / 23,00 sFr

Gedichte. Poemas 1964-2000. Umschlaggestaltung von Juana Burghardt. Aus dem mexikanischen Spanisch von Juana und Tobias Burghardt. Fotoessay von Enrique Hernández-D’Jesús. Nachwort von Tobias Burghardt

Edition Delta, Stuttgart

JOSÉ EMILIO PACHECO wurde am 30. Juni 1939 in Mexiko-Stadt geboren. Seine Großmutter Emilia Abreu de Berny war die Märchen- und Geschichtenerzählerin seiner Kindheit und brachte ihm früh das Lesen bei. Das erste Buch, das er las, »Quo vadis?«, verlängerte er in seiner Phantasie mit selbsterfundenen Kapiteln, um den Schmerz zu überwinden, auf den Schlußseiten des Buches angekommen zu seien. Während seiner Schul- und Studienzeit begann er, zu schreiben und in Zeitschriften und Zeitungen zu veröffentlichen. Sein Vater, Anwalt und Notar, riet dem schüchternen Jugendlichen zum Jurastudium, um eines Tages sein Notariat Nr. 50 zu übernehmen und nicht als Schriftsteller am Hungertuch nähen oder nagen zu müssen. Doch schon bald, verstört von der Aussicht, als juristischer Handlanger im »Krieg gegen die Armen« auf die falsche Seite der Gesellschaft zu gelangen, wechselte José Emilio Pacheco zur Philologie über. Neben dem Studium begann er bereits mit neunzehn Jahren seine unermüdliche Mitarbeit als Kritiker, Redakteur, Kolumnist und Herausgeber von mexikanischen Kultur- und Literaturzeitschriften, darunter »Estaciones«, »Diálogos«, »Plural« und »Vuelta«, sowie Kultur- und Literaturbeilagen der Zeitungen »Proceso«, »¡Siempre!«, »El Heraldo de México« und »Excelsior«. Er unterrichtete später Literaturwissenschaften und Poetik an Universitäten in Kanada, England und USA. Heute lebt er mit seiner Frau Cristina Pacheco, Schriftstellerin und Journalistin, in Colonia Condesa, Mexiko-Stadt.

Die biographischen Zusammenhänge sind rasch aufgezählt, aber für den Autor und seine Leserschaft von nachrangigem Interesse, da sie »eine Mischung aus Zufall und Schicksal« (Roberto Juarroz) im rasenden und rasanten Gefälle der Zeit darstellen. Darunter verbirgt sich der schöpferische Ausdruck im halboffenen Raum der Poesie. Und diese Intensität des Lebens verstärkt sich ihrerseits durch die Intensität des Lesens – oder auch umgekehrt. Hierin gibt es ebenfalls eine gewisse Ähnlichkeit mit dem argentinischen Dichter Roberto Juarroz (1925-1995), wozu die Präzision der poetischen Sprache und die poetologische Passion, aber auch die Nichtzugehörigkeit zu einer Gruppe oder Bewegung und die Abwesenheit vom Literaturbetrieb zählen. Von Anfang an verzweigen sich Pachecos schriftstellerische Obsessionen in vier Bereiche: Poesie – Essayistik – Übersetzung – Prosa. Der erste ist gleichzeitig der zentrale Bezirk: das Gedicht.

Was der mexikanische Dichter Efraín Huerta (1914-1982) über sein Lyrikdebüt »Los elementos de la noche« (Die Elemente der Nacht), im Januar 1963 in Mexiko erschienen, geschrieben hat, bleibt weiterhin gültig, nachdem inzwischen mehr als zwölf neue Lyrikbände vorliegen: »Die Gedichte von José Emilio Pacheco weisen formale Perfektion und inneres, gefühlsmäßiges Beteiligtsein auf. Es gibt in dieser Poesie eine Sehnsucht, ein Glühen, die Suche nach Farbe, nach Geheimnissen, die Verfolgung des richtigen Wortes. Des richtigen Tons. (Wer ist schon fähig, seine wahre Stimme gefunden zu haben?)«

Mit seinem dritten Band »No me preguntes cómo pasa el tiempo« (Frag mich nicht, wie die Zeit vergeht), Gedichte 1964-1968, den er 1969 veröffentlichte, begann eine entscheidende Entwicklung, die den philosophischen Blick des Frühwerks um eine existentielle und kritische Dimension erweiterte, seine ethische Sicht ästhetisch verbriefte und die Leidenschaft der poetologischen Meditation entzündete. Der dreißigjährige Pacheco erhielt für seinen dritten Gedichtband den mexikanischen Nationalpreis für Poesie.

Hier setzt nun auch die vorliegende Werkauswahl aus fast vierzig Jahren ein, die vom dritten bis zum zwölften Band mit dem Titel »Siglo pasado« (Vergangenes Jahrhundert), Gedichte 1999-2000, geht. Die konstanten Themen – die Zeit und der Tod – erhellen in ihren aleatorischen Variationen seine düsteren Intuitionen: der Staub, das Meer, die Erinnerung. Eine mahnende Rolle spielen die einfühlsamen und bisweilen buddhistisch anmutenden Tiergedichte, die 1998 in Mexiko mit Zeichnungen des Künstlers und Malers Francisco Toledo unter dem Titel »Album de zoología« zusammengestellt wurden.

Von bestürzender Aktualität ist der apokalyptische Zyklus »Las ruinas de México« (Die Ruinen von Mexiko) aus den achtziger Jahren, der in Auszügen berücksichtigt wurde, angesichts der globalen Umwelt- bis Nuklearproblematik, etwa die verstärkt auftretenden Vulkantätigkeiten und Erdbeben weltweit – wie jüngst die verheerenden Katastrophen in Chile, Haiti, Sumatra, Salomonen, Italien, Türkei, Neuseeland, Japan oder an der US-Ostküste. Als würde unser Planet vielleicht nicht antworten? Noch anders gesagt, in den präzisen Worten von Octavio Paz: »Die Gedichte von Jose Emilio Pacheco schreiben sich nicht in die Welt der Natur ein, sondern in die der Kultur, und innerhalb dieser in ihre Hälfte aus Schatten. Jedes seiner Gedichte ist eine Hommage an das Nein; für ihn ist die Zeit die treibende Kraft der universellen Zerstörung und die Geschichte eine Ruinenlandschaft. Pacheco rühmt den Sieg der Natur (des Regens) über die Kultur (die Stadt). Aber transfiguriert er sie nicht, während er sie rühmt, verwandelt er sie nicht in das Wort oder, wie er sagt, in ›schnelle Musik, Kontrapunkt von Wind und Wasser‹?« (»Vuelta«, Heft 29, April 1979)

Der mexikanische Dichter José Emilio Pacheco erhielt u.a. den Premio Xavier Villaurrutia (1977), den Essaypreis Malcolm Lowry (1992), den Literaturpreis Mexikos (1993), den lateinamerikanischen Lyrikpreis José Asunción Silva (1994), den Premio Mazatlán (1999) und den Premio José Fuentes Mares (2000), den Iberoamerikanischen Literaturpreis José Donoso (2001) der chilenischen Universität in Talca, den Premio Octavio Paz (2003), den Premio Ramón López Velarde (2003), den mexikanischen Premio Alfonso Reyes (2004), den Iberoamerikanischen Lyrikpreis Pablo Neruda (2004), den Internationalen Poesiepreis Federico García Lorca (2005) der andalusischen Stadt Granada, den Premio Reina Sofía de Poesía Iberoamericana (2009) und den grandiosen Cervantes-Preis (2009), die höchste Auszeichnung der spanischsprachigen Literaturwelt.

In den neunziger Jahren veröffentlichten wir erstmals zweisprachige Fassungen seiner Gedichte in der »Frankfurter Allgemeinen Zeitung«, die auf ein wunderschönes Echo stießen. Weitere Erstübertragungen erschienen u.a. in Europas Kulturzeitung »Lettre«, im Rowohlt-»Literaturmagazin« und in diversen Anthologien. Allmählich wurde seine Lyrik auch hier entdeckt und weithin geschätzt. Die vorliegende Übersetzung seiner Werkauswahl entstand seither und änderte sich aktualisierend im Verlauf der Überarbeitungen des Dichters, der regelmäßig an seinen poetischen Texten weiterschreibt. José Emilio Pacheco gehört zu den wesentlichen lateinamerikanischen Lyrikern der Gegenwart.

Tobias Burghardt (Zwischenbericht)

Stimmen

Schreiben in die Wanderdüne

Pacheco (geboren 1939) ist der populärste Lyriker Mexikos. Tritt er auf, so kommen Hunderte, sie sind jung und können seine Texte auswendig. «Hochverrat», eines seiner bekanntesten Gedichte, beginnt mit der Zeile: «Ich liebe meine Heimat nicht.» Pacheco schiebt darin den dogmatischen Nationalismus beiseite – und bietet Alternativen.

Das Gedicht eröffnet auch die neue Pacheco-Ausgabe aus der Edition Delta. Eine repräsentative Auswahl aus mehreren Jahrzehnten zeigt einen Lyriker, dem Verständlichkeit ein zentrales Anliegen war. Pacheco schreibt nie experimentell und selten rätselhaft; wenn er dunkel ist, dann im Schmerz oder im Angesicht des Todes. Innerhalb dieser Grenzen ist Pacheco überaus vielfältig. Vom epigrammatischen Kurzgedicht bis zum umfangreichen Zyklus ist alles vorhanden, metrisch strenge Gedichte stehen neben freien Versen und Prosapassagen, und die bewundernde, ironisierende oder ablehnende Auseinandersetzung mit poetischen Vorbildern findet ihren Platz neben den politischen Reflexionen eines wachen Zeitgenossen.

 

Valentin Schönherr (WOZ, 10. Mai 2012)

 

Rede des Staubs

Der mexikanische Dichter José Emilio Pacheco liebt den steten Wandel. Ohne die Veränderung, hat er einmal geschrieben, wäre das Leben aus Stein. So bleibt auch die Poesie «niemals im Stillstand». Der Dichter versucht sich in Metamorphosen. Mit seinen Worten, die «aus der Essenz / von Welt und Poesie» gemacht sind, schreibt er an gegen die vergehende Zeit: «Er pflügt im Meer. / Schreibt auf das Wasser.» Je weiter das Schreibleben voranschreitet, desto skeptischer wird der Ton der Gedichte. Zweifel schleichen sich ein, ob das Gedächtnis und die Stille der «Rede des Staubs» widerstehen können. Doch obwohl alle Schritte ins Nichts zu führen scheinen, denkt sich Pacheco immer neue Formen für seine Worte aus. So gelingt es ihm etwa, in einem Zyklus über den Zirkus die Gestalten zu variieren, «Gefäss der Luft» zu sein oder «Wasserkörper» – und so nebenbei eine kleine Geschichte der Welt zu schreiben. «Das Leben geht allein dank des Konflikts vorwärts», lesen wir dort in der soliden Übersetzung von Juana und Tobias Burghardt. Und wieder ist es die Bewegung, die das Gedicht vorantreibt. Eine Bewegung, die sich auf beinahe jeder Seite dieser schönen Werkauswahl zeigt. Nur ab und an ist der Ton ein wenig zu getragen. Pacheco gibt den Versen sein Feuer, «webt sich in Licht» und versucht, die Fülle des Augenblicks festzuhalten.

ncb (Neue Zürcher Zeitung, 7. Februar 2012)

Einer der großen Dichter spanischer Sprache
José Manuel Caballero Bonald
ein großer Dichter vom Schlage Octavio Paz‘

César Antonio Molina

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