Das Salz der Sprache & Die Furchen des Durstes - O Sal da Língua & Os Sulcos da Sede
Gedichte, zweisprachig: Portugiesisch - DeutschISBN 978-3-927648-38-8
Einband, broschiert
199 Seiten
15,6 × 15,6 cm
17,50 Eur[D] / 18,00 Eur[A] / 25,00 sFr
Zwei Einzeltitel aus den Jahren 1995 und 2002 in einem Band. Aus dem Portugiesisch von Juana und Tobias Burghardt. Umschlaggestaltung von Juana Burghardt. Mit einem Nachwort von Tobias Burghardt
Edition Delta, Stuttgart 2011
Stimmen
Lyrik gilt in Portugal als die wichtigste Gattung der Literatur
Diese Poesie ist geerdet und doch elegant. Ein Beispiel:
Ich höre, als ob der Stein
sänge. Als
sänge er in Menschenhänden.
Ein Blut- oder Vogelgeräusch
steigt in die Luft, singt mit dem Stein.
Der Stein in seinen dunklen
Händen. Erwärmt
von seiner Menschenwärme,
seiner Menschen-
glut. Ich höre,
als sei es das winzige,
sterbliche Licht, das aus seinem Innern
den Hals hinaufsteigt.
Seine Menschen-
sterblichkeit. Singt wie der Stein.
Das Lied als etwas Zeitloses, eine Äußerung sterblichen Lebens, das warm ist und hell doch wie der Stein ein Teil der scheinbar unsterblichen Natur. Andrade ist auf dem Land aufgewachsen, in enger Verbindung mit der Erde, mit Tieren und einfachen Menschen. Seine Gedichte haben immer gleichsam diesen Boden unter den Füßen.
Wie sein berühmter Zeitgenosse José Saramago kam Andrade aus einfachsten Verhältnissen. 1923, als er geboren wurde, war Portugal noch das Armenhaus Europas und Bildung eher selten und schwierig. Wie Saramago verbrachte Andrade zahllose Nachmittage und Abende lesend in Lissabons Bibliotheken. Er las Bécquer, Pessoa, Baudelaire, Verlaine und Rimbaud. Und wie Pessoa und Saramago arbeitete er Jahrzehnte lang ohne groß Karriere zu machen für seinen Lebensunterhalt und lebte für die Literatur, nicht von ihr. Diese Bescheidenheit wird dem Dichter im Alter regelrecht zur poetischen Maxime. Zitat:
Sie kommen aus der Kindheit, jene Frauen.
Still, verschwiegen, ohne Drang
zu sein. Jene wunderbaren Frauen,
mit einem Mittelscheitel frisiert,
die befreiten Ohren vom Haar
aus hellem Schatten.
In ihrem Herzen war die Welt
nicht so klein und ihre Beschäftigung
erschien ihnen nicht als Schmach.
Sie wussten zu altern im langwierigen
Licht der Kinder und Haustiere.
Gemeinsam mit der Rose.
Die ganze Welt im Herzen, die Ohren stets offen und von einer Zurückhaltung, der Demut nicht als Schande erscheint – so war wohl auch der Dichter selbst. Seine Verse sind minimalistisch; in der rhetorischen Sparsamkeit, im Verzicht auf geschwätziges Pathos steckt jedoch Sprachmagie von großer Kraft. Mütter etwa sind „mondsüchtige Tiere“. Aber „Nur sie erkennen den Tod am Geruch des Schattens“. Und je näher der Tod, desto stärker konzentriert sich Andrade aufs Elementare, Transparente:
Alle Poesie ist licht, sogar
die finsterste.
Der Leser ist derjenige, der manchmal
anstatt Sonne Nebel in sich hat.
Und der Nebel lässt nie klar sehen.
Wenn er zurückkehrt,
ein ums andere Mal,
und ein weiteres
zu diesen erleuchteten Silben,
wird er erblinden vor Klarheit.
Gesegnet seist du, wenn du da ankommst.
Die Versöhnung von Klarheit und Ambivalenz: Wer dieses Ziel erreicht, sei er Leser, sei er Autor, erlebt einen göttlichen Funken, laut Andrade so etwas wie das Paradies auf Erden. Einfühlsam übersetzt und liebevoll zweisprachig editiert haben dieses Buch Juana und Tobias Burghardt.
Widmar Puhl (SWR2 – Buchkritik, 7. Februar 2012)
Klarheit des Tons
Was ist, wie klingt der einfache Ton? Reinheit war das Zauberwort, mit dem die Kritik die Poesie des 1923 in Póvoa de Atalaia geborenen Eugénio de Andrade auf einen Nenner bringen wollte. Aber was war damit gemeint? Liest man seine Gedichte, fällt auf, dass in ihnen häufig in einer klaren und schmucklosen Sprache von den elementaren Dingen gesprochen wird: von der Erde und dem Wasser, dem Licht und dem Wind. "Nicht das Meer, nicht der Wind, die Sonne / schmerzt mich von der Hüfte bis zu den Schuhen. / Sonne zum Juliende / oder im bleiernen August: feine / Stecknadeln", heißt es in dem Gedicht „Andere Rhythmen, andere Arten“ aus dem 2002 erschienenen Band „Os Sulcos da Sede“ (Die Furchen des Durstes), dem letzten in seiner Heimat veröffentlichten Buch des Dichters, das jetzt, zusammen mit „O Sal da Língua“ (Das Salz der Sprache), in der Übersetzung von Juana und Tobias Burghardt auch auf Deutsch vorliegt (Edition Delta, Stuttgart 2011).
Eugénio de Andrade, der zeitlebens einen Brotberuf ausübte, zunächst als Verwaltungsinspektor in Lissabon, später im sozialmedizinischen Dienst in Porto, lebte als Lyriker sehr zurückgezogen. Eine erste deutschsprachige Auswahl aus seinen mehr als 25 Gedichtbänden in der Übersetzung von Curt Meyer-Clason brachte der Carl Hanser Verlag 1997 unter dem Titel „Stilleben mit Früchten“ heraus, mit den „Weißen Weintrauben“ des Malers Juan Fernández auf dem sonnengelben Cover.
Der neue Band nun knüpft unmittelbar an diese Auswahl an. Ein Leitmotiv, das in den früheren Büchern nur verhalten anklang, nimmt hier größeren Raum ein: das Altern und der Verlust, für de Andrade nicht denkbar ohne die Erinnerung an freudvolle Kindheitstage: „Die Luft bebte – trotzdem war ich glücklich, / ich war zehn oder tausend Jahre alt, ich weiß es nicht mehr.“
Der Dichter dieser späten Verse – de Andrade verachtete von jeher den Luxus – fühlt sich den Straßenjungs verwandt, jenen, die „in einer trüben Wasserpfütze“ das Vergnügen entdecken. Er lobt „das kindhafte Herz“ und lässt sich von der „Rückkehr der weißen Störche“ ebenso anrühren wie von einer „kleinen Bahn der Nebenstrecke von Ceira / die ein Spielzeug scheint“ oder den "acht Zeilen / aus Wanderers Nachtlied, / das Schubert vertonte.“ Fast trotzig setzt das Titelgedicht seines Bandes „Das Salz der Sprache“ mit den Zeilen ein: „Hör, hör: ich habe noch / etwas zu sagen.“
Vielleicht ist das, was mit der Reinheit im Werk des Dichters gemeint war, bei de Andrade am Ende einfach die Treue zu sich selbst, zu seiner Herkunft, seiner Sprache: „Nur dank einer tiefen Treue wird der Dichter seine Absicht erfüllen, nicht durch Nachahmung der Natur, sondern durch die Suche nach dem richtigen Wort: dem einzigen, für das sich kein Synonym findet.“
Volker Sielaff (Dresdner Neueste Nachrichten – Literatur, 9. Januar 2012)
Stilleben mit Früchten
Schließlich beschwört O Sal da Língua (Das Salz der Sprache), 1995, der bislang letzte Band, einen Raum der verwunderten und bereicherten Kindheit und erzeugt damit eine widerstandsfähige Fortsetzung des Lebens.
Eugénio de Andrade hat zahlreiche Lehrmeister und Vorbilder gehabt, zunächst Fernando Pessoa, von dem er sich entfernte, sobald er die eigene Sprache fand: »Schon als ich ihm mein erstes Buch widmete, wußte ich, daß ich, wenn ich ein neues Glied in der Kette sein wollte, wenn ich wollte, daß das dichterische Wort sich mit dem Wallen meines Blutes vermischte, mit dem Rücken zu ihm schreiben müßte.«
Er schrieb zahlreiche Gedichtbände und gilt als der bedeutendste zeitgenössische Lyriker Portugals.
Curt Meyer-Clason (Nachwort, 1997)
Gracias, Eugénio
Vicente Aleixandra (Carta, 12.8.1954)


