Die Gebärmutter des Hauses & Die schmerzvolle Wurzel des Affenbrotbaums - O Útero da Casa & A Dolorosa Raiz do Micondó
Gedichte, zweisprachig: Portugiesisch - DeutschISBN 978-3-927648-26-5
Einband, broschiert
212 Seiten
15,6 × 15,6 cm
17,50 Eur[D] / 18,00 Eur[A] / 25,00 sFr
Zwei Einzeltitel aus den Jahren 2004 und 2006 in einem Band. Mit einer Zeichnung von Juana Burghardt. Aus dem afrikanischen Portugiesisch von Juana und Tobias Burghardt. Mit einem Nachwort von Tobias Burghardt
Edition Delta, Stuttgart 2010
Stimmen
LiBeraturPreis-Nominierung 2011
Der Gedichtband von Conceição Lima steht auf der Bücherliste für den LiBeraturPreis 2011 in der Kategorie 1 - Bücher, die für die Preisverleihung in Frage kommen.
Initiative LiBeraturPreis
http://www.liberaturpreis.org/
LiBList2011kurz.pdf
Portugiesischsprachige Lyrik
Zwei nicht nur durch ihr ungewöhnliches quadratisches Format auffallende Bücher gilt es anzuzeigen: Der Verlag Delta konzentriert sich auf die Übersetzung und Herausgabe von SchriftstellerInnen aus dem portugiesischen Sprachraum. Gerade zwei Bücher kommen nun von afrikanischen Schriftstellerinnen auf den Markt.
Conceição Lima kommt aus auf São Tomé. In ihren Texten geht sie auf ihre Heimat, afrikanische Entwicklungen und Missstände ein. Die ersten beiden Publikationen sind in Portugal wohlwollend aufgenommen worden. Eine Auswahl von Gedichten liegt nun in portugiesisch-deutscher Fassung vor.
Ana Paula Tavares kommt aus Angola. Ihre erste Publikation mit einer Sammlung verschiedener Gedichte erschien 1985 in Luanda (Angola), nachher wurden ihre Werke auch in Portugal verlegt. Tavares taucht in die afrikanische Natur ein, befasst sich mit den anhaltenden Folgen des Schreckens des Krieges, oder - in ihrem neusten Band - mit der afrikanischen Ahnenkultur. Auch von ihr liegt nun eine Auswahl von Gedichten in portugiesisch-deutscher Fassung vor.
Hans-Ulrich Stauffer (Afrika-Bulletin, Ausgabe 142, Mai-Juni 2011, Basel)
Portugiesische Lyrik aus Afrika
Das kleine Verlagshaus Edition Delta des Ehepaars Juana und Tobias Burghardt beweist Mut und veröffentlicht das Werk zweier afrikanischer Dichterinnen. Michael Kegler hat die beiden Bände von Conceição Lima und Ana Paula Tavares mit großem Vergnügen gelesen
Als ich 2004 beim damals noch unabhängigen portugiesischen Verlag Caminho das gerade erschienene Gedichtbändchen O Útero da Casa von Conceição Lima zur Rezension anforderte, geriet der Verleger Zeferino Coelho ins Schwärmen. Das sei eine ganz außergewöhnliche Stimme, eine großartige Dichterin. Und ich erfuhr, dass die vermeintliche Debütantin aus São Tomé e Príncipe schon seit ihrer frühen Jugend in Zeitungen und Zeitschriften veröffentlicht, aber nie Zeit oder Muße gefunden (vielleicht auch nie die Notwendigkeit gespürt) hatte, einiges davon in Buchform herauszubringen.
In der Tat ist O Útero da Casa mit seinen gerade einmal 65 Seiten, ein kraftvolles Stück afrikanische Lyrik, dessen 28 Gedichte, wie der Titel (Die Gebärmutter des Hauses) nahelegt, um ein Universum weiblicher Identität im historischen Kontext der jüngeren postkolonialen Geschichte Afrikas und der Inseln São Tomé e Príncipe im Besonderen kreisen. Eine kurze Formel, die der lyrischen Ausdruckskraft ihrer Autorin natürlich nicht im Geringsten gerecht wird.
MUTTERLAND
Ich möchte wach sein
bei meiner Rückkehr in den Mutterleib
um das tagtägliche
Halbdunkel der Wände zu spüren
an der Fingerhaut die Milde
der unterirdischen Tage
die vergangenen Augenblicke wiederzubeleben
Ich glaube an diese Weite
vielleicht der Strände oder der Wüste
ich glaube an die Rastlosigkeit
die dieses Schattentheater biegt
Und so hinterfrage ich mich
nur um dich zu veranschaulichen
Bach aus Schmerzen Wutschwall
da der Regen sich verzögert und der Obô
mittags traurig wird
Ich verletzte nicht das Sterben der Affenbrotbäume
den verwitweten Platz der fröhlich zwitschernden Finger
Eine Basaltstufe ragt aus dem Meer
und ich bewohne wieder im Efeutanz
deinen Körper
mütterlicher Tempel
meine melancholische Burg
aus starren Brettern und Senkblei.
(Conceição Lima. Aus: Die Gebärmutter des Hauses, S. 11)
Bereits zwei Jahre später legte Conceição Lima wiederum bei Caminho ihren zweiten Gedichtband vor: A Dolorosa Raíz do Micondó (Die schmerzvolle Wurzel des Affenbrotbaums), und es muss wohl um diese Zeit herum gewesen sein, dass sich herumsprach, ein kleiner deutscher Verlag namens Edition Delta habe die Übersetzungsrechte für beide Bände erworben. Gleichzeitig hatte man sich dort eine zweite afrikanische Lyrikerin „gesichert": Ana Paula Tavares aus Angola, die zu diesem Zeitpunkt in Deutschland immerhin, dank mehrerer Auftritte auf Festivals und einem kurzen Porträt in LiteraturNachrichten Nr. 77, nicht mehr ganz unbekannt war.
Im Kontext der postkolonialen Literatur erregte Ana Paula Tavares erstmals 1985 mit ihrem ersten Gedichtband Ritos de Passagem (Übergangsriten) Aufsehen, da sie sich, wie Margrit Klingler-Clavijo in jenem Porträt von 2003 schreibt: „weniger dem damals üblichen Sozialistischen Realismus verpflichtet fühlte, sondern unverblümt über Liebe und Erotik schreibt." Eine Tendenz, die sie in fast unerhörter Weise bis heute ausbaut:
In deinen Händen
brannte
ein Schaumschiff
das Netz
glitt aus deinen Händen
Feuerzunge
Durst
an deinen Händen
spürte ich
den stärkeren Wind
Fieber
in deinen Händen
erzitterte
der Name des Lebens
die Zeit
(Ana Paula Tavares. Aus: Manual para Amantes desesperados (Handbuch für verzweifelte Liebende) in: Fieberbaum, S. 129)
Geschickt und in ihrer Einfachheit fast verstörend verwebt Tavares' Lyrik Erotik von unverblümter Intensität mit feinen Anspielungen auf ihr Land, Leute und ihre Geschichte.
MUKAI VI
Um an deinen Lippen aus Silber nicht zu sterben,
musste man Vogel und Schlange sein,
um deine Lippen aus Silber nicht zu spüren,
musste man Frau und Volk sein,
um an deinen Lippen aus Silber nicht zu leiden,
musste man Traum sein,
eine geschlossene Kalebasse.
Um an deinen Lippen aus Silber nicht zu sterben,
musste man weder Frau, noch Vogel, noch Volk sein.
(Ana Paula Tavares. Aus: Dizes-me Coisas amargas como os Frutos (Du sagst mir Dinge so bitter wir Früchte) in: Fieberbaum, S. 61)
Allein die Gegenüberstellung von „Frau" und „Volk", gepaart mit „deinen Lippen aus Silber" an denen es sich sterben und leiden lässt, kann (je nach Disposition) Gänsehaut verursachen oder zu Magisterarbeiten anregen.
Dabei, so merkt Margrit Klingler-Clavijo auch an, sei das Werk Ana Paula Tavares', die als Historikerin an der katholischen Universität Lissabon auch über afrikanische Geschichte publiziert, ohne den „wiederholten Rückgriff auf die reiche orale Tradition Angolas" undenkbar.
Die Mutter kam,
sie war nicht allein,
der Korb, den sie mitbrachte,
war noch nicht ganz fertig,
die Mutter kam,
ihre Zöpfe waren nicht gerade,
die Mutter kam und das Tuch, das sie brachte,
war nicht glatt und gebügelt,
die Mutter kam mit reifen Augen,
die Mutteraugen
schauten nicht in die gleiche Richtung,
die Mutter kam
und es war noch nicht die Zeit
für Sauerteigbrot
und Kinder,
die Mutter kam und das Wort, das sie bei sich trug,
war nicht gut zubereitet,
die Mutter kam
allein
mit Worten des Unheils und Lärms, der Armut und gegorener Milch
(Ana Paula Tavares. Aus: Dizes-me Coisas amargas como os Frutos (Du sagst mir Dinge so bitter wie Früchte). In: Fieberbaum, S. 73)
Conceição Lima, die als Journalistin lange für den portugiesischsprachigen Dienst der BBC tätig war, schafft ähnliche Bilder, legt aber weitaus mehr Wert auf eine explizit politische Perspektive, wobei diese für ihre Generation schon längst nicht mehr im Verdacht steht, Sozialistischen Realismen nahe zu stehen. Eher ist es ein sehr genauer Blick in die Welt und von dort wiederum auf ihr Land:
Ohne Fanfaren ziehen die Bulldozer ab.
Sie schleifen im Staub die Sandalenriemen
und das Entsetzen an den Hühnerflügeln.
In ihrer Spur vergehen die Wörter
und das biblische Antlitz der Olivenbäume.
Der Schenkelknochen, der den Schutt durchbohrt,
ist tot und namenlos.
Ein Elfenbeinpfahl,
der bitter in der Erde Jenins erglänzt.
Die Sonne geht in Berlin auf, woanders.
Nicht in Liberia oder auf den fields von Freetown.
Weder im Flüchtlingslager von Jenin, noch in meinem Umkreis.
(Conceição Lima: JENIN. Aus: A Dolorosa Raíz do Micondó. In: Die Gebärmutter des Hauses, S. 171)
„Ihre Stimme des Bewußtseins beklagt das Schicksal ihres Insellandes als ehemalige Drehscheibe der Sklaverei und als Hort des Kolonialismus, die enttäuschten Ideale der Freiheit und Unabhängigkeit und auch die wechselhaften Stimmungen der demokratischen Gegenwart von São Tomé e Príncipe.", schreibt Tobias Burghardt im Nachwort zu Die Gebärmutter des Hauses, was allerdings nur die halbe Wahrheit beschreibt, denn nicht nur ist Conceição Lima durchaus in der Lage, etwa DEN SCHATTEN DES GEMÜSEGARTENS zu besingen, sondern gerade ihre politische Lyrik schafft, verwurzelt in der Oralität und jenseits von jedem Pathos, kraftvolle, für sich selbst sprechende Bilder von lyrischer Schönheit, die weit über den konkreten politisch-historischen Zusammenhang hinausreichen.
AMADORS ZWEITER AUFSTAND
Die Wolken werden wieder
den Gipfel bedecken,
und die Männer marschieren
über die Ebene.
Unerwartet werden wieder
die Fluten steigen,
um von dem Wegen
tote Blätter
und verlorene Schritte fortzuspülen.
(Conceição Lima. Aus: Die Gebärmutter des Hauses, S. 21.
Mehr als 5 Jahre haben Juana und Tobias Burghardt an der Übersetzung der beiden Poetinnen gearbeitet, aus Ana Paula Tavares' umfangreichem Œuvre eine stattliche Werkauswahl zusammengestellt, von Conceição Lima kurzerhand beide verfügbaren Bücher ins Deutsche übertragen. Kommerziell vielleicht weniger geschickt wurden beide Bände nun zeitgleich veröffentlicht, was inhaltlich stimmig ist, aber vermutlich dazu führt, dass weder der eine noch der andere im deutschsprachigen Feuilleton gebührend in seiner Einzigartigkeit gewürdigt wird. Zu groß ist die Versuchung, wie auch an dieser Stelle, beide Dichterinnen miteinander in Beziehung zu setzen und die Veröffentlichung der beiden Werkausgaben als ein Ganzes zu sehen. Dabei droht unterzugehen, dass Edition Delta mit Ana Paula Tavares und Conceição Lima jeweils die stärksten weiblichen Stimmen ihres jeweiligen Landes und damit zwei der eindringlichsten lyrischen Stimmen der afrikanischen Gegenwartsliteratur überhaupt herausgebracht haben. Eine Arbeit, die neben dem Lob für die sorgfältige, großartige Übertragung, nicht deutlich genug gewürdigt werden kann.
Im Zusammenhang der afrikanischen Literatur von „weißen Flecken" zu sprechen ist ein billiger wie stets zutreffender Allgemeinplatz, aber aus der Literatur der Inseln São Tomé e Príncipe wurde bisher noch nie ein Einzelwerk ins Deutsche übertragen, die Beiträge in Anthologien, wie etwa der 1996 erschienen „lusophonen" Ausgabe der Zeitschrift Sterz (in der sowohl Ana Paula Tavares als auch Conceição Lima bereits vertreten waren), sind an den Fingern einer Hand abzuzählen. Dass Ana Paula Tavares als erste angolanische Lyrikerin eine deutschsprachige Werkausgabe erhält, ist ebenso verdient wie richtig, dass es tatsächlich passiert ist, gleicht einer Heldentat des Übersetzerhehepaares und der von ihnen betriebenen Edition.
Michael Kegler (LiteraturNachrichten, Nr. 106, Herbst 2010)
Weitere Gedichte von Ana Paula Tavares und Conceição Lima finden sich unter anderem in Sterz Nr. 77 (1996), in der von Peter Ripken und Véronique Tadjo herausgegebenen Anthologie Antilopenmond. Liebesgedichte aus Afrika (Peter Hammer Verlag, 2002) sowie in der Anthologie portugiesischsprachiger Lyrik hotel ver mar (Hrsg. von Michael Kegler, TFM, 2009).
Die Schönheit der Enttäuschung
Wer verblüffende Verse liebt, der wird Conceição Lima gegenüber wehrlos sein. "Ich weiß, dass gewisse Gedichte die Verse so versammeln, als legten sie diese in ein Massengrab." Das hörte ich noch nie. Dabei ist es von schrecklicher Evidenz. Die Autorin wurde 1961 in São Tomé geboren. Geld verdiente sie bei der BBC in London. Zwei ihrer Gedichtbände sind jetzt, übersetzt von Juana und Tobias Burghardt, in einer einbändigen zweisprachigen Ausgabe erschienen. An einer Stelle darin heiße es: "Als ich nicht wusste, dass ich die war, die ich bin. / Als ich empfand, dass die Welt mir gehörte"... Diese Verse sind schön, weil man begreift, dass man einfach noch nicht weiß, wer man ist, wenn man glaubt, die Welt gehöre einem. Man kennt sich noch nicht. Der Prozess der Selbsterkenntnis besteht im Wesentlichen darin, dass der eigene Radius abnimmt und also enger wird.
Der Buchapplaus
Zwei Gedichtbände aus Afrika legt die Edition Delta in diesem Frühjahr auf. Es sind Bände der portugiesischsprachigen Welt Afrikas (der lusoafrikanischen Poesie) aus São Tomé & Príncipe und aus Angola.
Der erste Band ist Ana Paula Tavares Gedichten gewidmet, deren Auswahl wie immer in der Edition Delta zweisprachig präsentiert wird und von Juana und Tobias Burghardt aus dem afrikanischen Portugiesisch übersetzt ist.
Conceição Lima ist etwa zehn Jahre jünger als Ana Paula Tavares und stammt aus São Tomé & Príncipe und die Inseln liefern der Dichterin auch Bilder und wundersame Sprachfügungen für ihre Dichtung. In ihrem Langgedicht Afroinsulanisch fügt sie die Erfahrung der Inselbewohner mit ihren portugiesischen Kolonialherren in eindrucksvolle Zeilen zusammen: ‚Sie führten‘, heißt es da, ‚Landungen ohne Träume und Wurzeln... Und die Geister verschmelzen / mit den Inseluhren ... in einem Gefüge zwielichtiger Klarheit...‘
hoje - übersetzungen
Bei Edition Delta sind soeben gleich zwei wichtige portugiesischsprachige afrikanische Lyrikerinnen in deutscher Übersetzung erschienen: Die Angolanerin Ana Paula Tavares sowie Conceição Lima aus São Tomé e Príncipe.
Von Conceição Lima (1961 in São Tomé e Príncipe geboren) erscheint mit dem Doppelband Die Gebärmutter des Hauses & Die schmerzvolle Wurzel des Affenbrotbaums / O Útero da Casa & A Dolorosa Raiz do Micondó gleichsam eine Gesamtausgabe in deutscher Übersetzung, denn obwohl schon seit langem als Lyrikerin anerkannt, veröffentlichte Conceição Lima erst 2004 ihr erstes Buch O Útero da Casa, dem zwei Jahre später A Dolorosa Raz do Micondó folgte. Beide Bände erschienen bei Editorial Caminho in Lissabon und wurden von der portugiesischsprachigen Kritik gefeiert.
nova cultura.de (März 2010)
Lusophone Lyrik
Die Gebärmutter des Hauses vereint Lyrik aus den Bänden O Útero da Casa und A Dolorosa Raiz do Micondo.
tfmonline.wordpress.com (10. März 2010)


