Himmelsnetz
Zweisprachig: Koreanisch (teilweise) - DeutschISBN 978-3-927468-21-0
Einband, broschiert
156 Seiten, 9 s/w Autorenfotos
15,6 × 15,6 cm
17,50 Eur[D] / 18,00 Eur[A] / 30,00 sFr
Werkauswahl (1960-2003) mit vielen Originaltexten. Aus dem Koreanischen übersetzt und mit einem Nachwort von Doo-Hwan und Regine Choi. Herausgegeben und mit einer Zeichnung von Juana Burghardt.
Edition Delta, Stuttgart 2007
Stimmen
Das lyrische Werk von Park Hijin
Es ereignet sich nicht oft, dass eine poetische Metapher den Beinamen gibt für eine Nation. Bei Korea, dem «Land der Morgenstille», ist das der Fall. Die Poesie konstituiert gleichsam das Land. Ihre Metapher stiftet die Aura. Deswegen ist es nicht verwunderlich, wenn ein Dichter wie der 1931 geborene Park Hijin, der noch das brutale japanische Kolonialregime und die mit ihm einhergehende Sprachenteignung erlebt hat, in seinem Gedicht «Ohne Titel» welchem Gott auch immer «Lob und Dank» ausspricht, dass er «im Land der Morgenstille als Dichter der koreanischen Sprache geboren» ist. Die chronologisch geordnete, teilweise zweisprachig dokumentierte Werkauswahl aus 25 poetischen Einzeltiteln und 4 Sammelbänden, die jetzt die Edition Delta als Eröffnungsband einer neuen Reihe koreanischer Literatur vorlegt, ist trotz der Verschattung der koreanischen Geschichte generell dem Lobpreis zugeneigt. «Der Mensch ist ein Tier, das lobpreisen kann: eine sympathische Definition des Menschen», lautet einer der lakonischen Einzeiler.
Rilke, den Park Hijin studiert hat, gibt für den Lobpreis des Preisens den Referenzpunkt. Trotzdem wird man zögern, Park als koreanischen Rilke zu preisen. Das würde der Vielstimmigkeit dieser Lyrik nicht gerecht. Auf dem Boden der taoistischen und buddhistischen Mystik sucht ihre Ästhetik der Reduktion das Schweigen, in dem «alle Widersprüche und aller Widerstreit schwinden». Die koreanische Naturphilosophie, der «Weg des Pneuma», der das Leben vom Fliessen der pneumatischen Energie «Qi» ableitet, sorgt zugleich für Natur- wie für Geistnähe. Aber es gibt in einem bemerkenswerten Langgedicht, überschrieben «Hände», auch «die Hand, mit der man isst und sich den Hintern wischt», und «die Hand, die das erregte Glied ergreift». Diese Fülle des Heterogenen will doch auch gepriesen sein.
Ludger Lütkehaus
(Neue Zürcher Zeitung, 1.4.2008)
Himmelsnetz
Gilt der Koreaner Ko Un als Leitfigur des politisch aktiven Autors, so ist Park Hijin sein Gegenpol. Unsichtbar will er leben und nur zwischen den Zeilen seiner Gedichte erkennbar sein. Das ist sein Credo nicht nur im Gedicht "Epitaph". Wider Willen, so scheint es, ereilte Park Hijin der Ruhm. Die von Juana Burghardt zusammengestellte Auswahl mit Gedichten seit 1960 gibt einen repräsentativen Überblick über die literarische Entwicklung des bei uns kaum bekannten Klassikers der Moderne koreanischer Prägung. Anders als für seine europäischen Dichterkollegen ist Schreiben für den Koreaner ein spiritueller Akt. Das bei uns so gern in den Mittelpunkt gestellte lyrische Ich ist bei ihm nur Teil einer universalen Ganzheit von Flora, Fauna, Mensch und Kosmos.
Buddha, Laotse und Jesus gehen nebeneinander durch ein und dasselbe Gedicht. Die im Buddhismus verankerte Idee von Wiedergeburt und Verwandlung bestimmt die Bildwelt dieser Lyrik. Die imaginierte Grenzüberschreitung zwischen Dingen, Körpern und Erscheinungen, Zeiten und Räumen zeitigt eine assoziativ dahingleitende Poesie - vom Zyklus über den Vierzeiler bis zum pointierten Einzeiler. Darin wird die tiefste Finsternis von Licht durchflutet und im winzigsten Detail ist das Grundmuster der Schöpfung präsent. Ob zarte Mondlichtszenen, sinnliche Körpergedichte, glühende Liebesbekenntnisse, Reiseimpressionen aus Indien, China und den USA oder Meditationen über Leere und Stille - immer balancieren die Verse Extreme aus, oft begleitet von leiser Ironie.
Dorothea von Törne
(Die Welt, 15. März 2008)
Der Buchapplaus
Aus der Edition Delta sind zwei Bücher anzuzeigen. Beide haben sie den Atem von Weltpoesie. Blindenmond von Juan Manuel Roca (siehe dort), einem in Medellín geborenen Dichter, und Himmelsnetz von Park Hijin. Park Hijin ist ein ungewõhnlicher Dichter aus Korea. Seine Poesie hat nichts Grelles, nichts Künstliches, sie ist vollendet wie ein Stück Natur. Er beherrscht die ostasiatischen Gedichtformen, aber auch europäische wie das Sonett, die Stanze oder die Litanei. Er ist ein ungewöhnlicher Dichter, klar und würdevoll. Doo- Hwan und Regine Choi haben seine Gedichte in ein tonreiches und tiefes Deutsch übersetzt. Sehr schön: 'Du bist selbst das Gebet,/ in dem sich Sprechen und Schweigen vereinen...' allerdings meidet Park Hijin aIles gefällig Meditative oder gar esoterisches Geraune. Er schreibt Gedichte, mehr nicht - und doch wecken sie einen Klang, der lang nachhallt in einem. In dem vorliegenden Band vereinen sich Gedichte aus 40 Jahren - von 1960 bis 2003. Sie sind die Summe seiner Poetik, in der etwa Bashô eine große Rolle spielt und wie ein moderner Bashô erscheint Park Hijin in seinen still-wundersamen Gedichten.
Matthias Ulrich
(NOXIANA - Nr.6, Winter 2007)
Ein koreanischer Rilke?
Es ereignet sich nicht oft, daß eine poetische Metapher den Beinamen gibt für eine Nation. Bei Korea, dem „Land der Morgenstille“, ist das der Fall. Die Poesie konstituiert gleichsam das Land. Ihre Metapher stiftet die Aura. Deswegen ist es nicht verwunderlich, wenn ein koreanischer Dichter wie der 1931 in Yonchon geborene Park Hijin, der noch das brutale japanische Kolonialregime und das mit ihm einhergehende Verbot der koreanischen Sprache erlebt hat, in seinem Gedicht „Ohne Titel“ welchem Gott auch immer „Lob und Dank“ ausspricht, daß er „im Land der Morgenstille als Dichter der koreanischen Sprache geboren“ ist. Die chronologisch geordnete, teilweise zweisprachig dokumentierte Werkauswahl aus 25 poetischen Einzeltiteln und vier Sammelbänden, die jetzt die Edition Delta als Eröffnungsband einer neuen Reihe koreanischer Literatur vorlegt, ist trotz der Verschattungen der koreanischen Geschichte generell dem Lobpreis zugeneigt: „Der Mensch ist ein Tier, das lobpreisen kann: eine sympathische Definition des Menschen“, lautet eines der einzeiligen Gedichte Park Hijins.
Dieses Lobpreisen ist nicht pathetisch, keine jubilatorische Attitüde. Auch schließt es den kritischen Geist, zur Not eine bestimmte Negation nicht aus. Aber es gibt den Grundton. Rilke, den Park Hijin studiert hat, ist mit seinem Lobpreis des Preisens der Bezugspunkt. „Rilke-Gedichte sind der Seelenhauch vom noch nie betretenen Gipfel des heiligen Berges“, so ein weiteres Ein-Zeilen-Gedicht, das mit dem Traditionsbild des „heiligen Berges“ den europäischen Dichter ins Koreanische übersetzt. Den „reinen Widerspruch“ der Rose auf Rilkes Grabstein in Raron kennt Park Hijin offensichtlich gut. Aber er macht in seinem Gedicht, das die Rose schon im Titel führt, etwas ganz Eigenes daraus: „Kein Meer ist so tief wie die Tiefe der Rose. / Hin und wieder versucht eine Biene, sie auszuloten. / Es gelingt ihr nie. ‚Weil sie mich berauscht’, / beteuert jedesmal die entzückte Biene.“
Ohnehin verbietet es sich, Park Hijin etwa als den koreanischen Rilke zu verstehen. Das würde der Eigenständigkeit dieses Autors, der Vielstimmigkeit seiner Gedichte, der Vielfalt ihrer Themen und Formen nicht gerecht. Wie Rilke schreibt auch Park Sonette. Aber der Reim, bei Rilke der formale Ausdruck des Willens zur Harmonie, fehlt bei Park. Seine Sujets, gewiß, bevorzugen die Kunst, die Natur, die Liebe. Unter dem Titel „In einem Vierzeiler“ zeigt Park indes, was alles Raum in dieser Form hat: „Der Vierzeiler verbindet Erde, Wasser und Mond, / Wirklichkeit & Traum, Seele & Körper, Heiliges & Weltliches. / Drei Elemente im Vierzeiler – Himmel, Erde und Mensch – / in Eintracht. Dreihundert Vierzeiler, kurz gesagt …“ – man sieht: Anders als bei Rilke kommt mit diesem paradox „kurz Gesagten“ auch der Witz wie öfters bei Park Hijin hinzu.
Auch politische und gesellschaftskritische Themen sind Park nicht fremd. Die „Los Angeles-Eindrücke 1993“ glossieren den „American way of life“. Bei einem Besuch in Beijing begegnet er in einer weißen Marmorhalle auf dem Tienanmen-Platz einer „drei Meter großen, weißen, sitzenden Jadefigur. / Die Blicke der Besucher und der Blick des Vorsitzenden Mao treffen sich nicht … / Mao Tsetung im ewigen Schlaf, / die Leiche im Kristallsarg … / Die Farben einer Wachsfigur! / Ein entseeltes Menschengesicht … / Sobald alle die Halle verlassen, / fühlen sie sich neu beseelt, / lachen und schwatzen.“ Diese Lyrik schließt auch Heterogenes nicht aus. Im Gedicht „Hände“ gibt es neben der Hand, „die die Gebetsperlen hält …, / die Kerze entzündet und das Dunkel vertreibt“, auch die „Hand, mit der man ißt und sich den Hintern wischt“, und diejenige, „die das erregte Glied ergreift“.
Auf dem Boden der tapistischen und buddhistischen Mystik sucht freilich Parks Ästhetik der Reduktion vor allem ein Schweigen, in dem „alle Widersprüche und aller Widerstreit schwinden“. Kargheit und Reinheit sind obligat. Die koreanische Naturphilosophie des „Pung ryu do“, der Weg des Pneuma, der das Leben vom Fließen der pneumatischen Energie „Qi“ ableitet, sorgt zugleich für Naturnähe. „Himmelsnetz“ ist das Gedicht überschrieben, das der ganzen Sammlung den Titel gegeben hat: „Kahle Winterbäume, kein einziges Blatt, / das zarte, schwarze Geäst, / ein zum Himmel geworfenes, wunderliches Netz. // Vielleicht wird eine Krähe gefangen, / womöglich noch der Tagesmond, / der halb entseelt auf brauner Eisschicht treibt …“
Ludger Lütkehaus
(SWR2, Forum Buch, 10.2.2008)
Buchbesprechung
Himmelsnetz ist der erste Gedichtband von Park Hijin in deutscher Sprache. Gleichzeitig ist er der erste Band einer neuen Reihe >Koreanische Literatur< in der Edition Delta, herausgegeben von Juana Burghardt, die auch das sehr ansprechende Titelbild gestaltet hat.
Die Werkauswahl ist chronologisch und in folgende Kapitel gegliedert: Himmelsnetz (1960-2003), Kerzenlicht (1982-1993), Unterwegs (2001), Vierzig Vierzeiler (2002) und Achtzig Einzeiler (2003). Besonders schön ist, daß die letzten beiden Kapitel und zwei Zyklen aus Kerzenlicht zweisprachig Koreanisch-Deutsch gestaltet sind. Dies ist phantastisch für alle Leser, die Koreanisch können, nicht nur, weil man Original und Übersetzung vergleichen möchte, sondern auch, weil Original und Übersetzung zusammen einen umso stärkeren Eindruck hinterlassen. Das kleine, leichte Format ist ein sehr ansprechender Rahmen für die Gedichte. Übersetzung und Veröffentlichung von Himmelsnetz wurden gefördert vom Koreanischen Institut für Literaturübersetzungen (KLTI) in Seoul.
Doo-Hwan und Regine Choi haben Himmelsnetz ins Deutsche übertragen. Leser koreanischer Literatur kennen und schätzen Doo-Hwan Choi für seine als bis heute unerreicht geltende Übersetzung von Kim Chi Has Die gelbe Erde und andere Gedichte in Zusammenarbeit mit Siegfried Schaarschmidt. Mit Himmelsnetz ist ein weiterer Meilenstein gelungen. Eine große Einfachheit in der Sprache wie bei Park Hijin ist oft die größte Herausforderung für die Übersetzung. Die hervorragende sprachliche Qualität und stilistische Sicherheit dieser Übersetzung ist sicherlich der großen Erfahrung beider Übersetzer zu verdanken. Philologische Herangehensweise, literarische Kenntnis, langjährige Erfahrung, ein persönlicher Kontakt mit dem Autor und die Begeisterung für sein Werk: Beim Lesen der Gedichte wurde für mich immer wieder deutlich, was für eine große Bedeutung dies für das Gelingen von Übersetzung hat.
Park Hijin (geboren 1931) gehört zu der älteren Dichtergeneration in Korea. Er ist mit bedeutenden Literaturpreisen ausgezeichnet worden und seit 2007 ordentliches, gewähltes Mitglied der angesehenen koreanischen Kunstakademie. Park Hijin wird als Klassiker der Moderne bezeichnet. Seine Schulzeit lag noch in der japanischen Kolonialzeit, weshalb seine ersten Begegnungen mit europäischer Literatur zunächst in japanischer Übersetzung stattfanden. Gleichzeitig gab ihm sein wohlhabendes ländliches Elternhaus eine klassische chinesische und koreanische Bildung mit auf den Weg. Erst in der Studienzeit entdeckte Park Hijin koreanische Dichter, seine eigene Muttersprache als literarisches Instrument und seine Identität als Koreaner. Nach einem Studium der Anglistik an der renommierten Koryŏ Universität arbeitete er als Englischlehrer an einer Oberschule in Seoul, gleichzeitig gewann er als Dichter Bewunderung und Anerkennung. Dieser polyglotte, multikulturelle junge Dichter, der einerseits endlich frei auf Koreanisch schreiben und andererseits aus dem reichen Schatz der östlichen und westlichen Klassiker schöpfen konnte, entschied sich in den 60er Jahren – während der Militärdiktatur – zu einem Rückzug aus dem öffentlichen Kulturleben. Bis heute führt Park Hijin mitten in Seoul das weitgehend zurückgezogene Leben eines Einsiedlers. Die beiden Übersetzer beschreiben den Dichter in ihrem Nachwort als einen schweigsamen Menschen, der nur selten unter Menschen geht, auch in Gesellschaft seine innere Ruhe zu wahren weiß und sich lieber in der freien Natur aufhält. Als erster koreanischer Dichter hat er 1965 einen Lese- und Dichterkreis gegründet, der seither jeden Monat Teilnehmer aus unterschiedlichen Bereichen der koreanischen Gesellschaft zusammenbringt, die sich regelmäßig zu Poesiefesten im Wald oder an einer einsamen Stelle im Pukhan-Gebirge nördlich von Seoul treffen.
Der Rückzug in die schöpferische Unabhängigkeit geht bei Park Hijin zusammen mit einer Hinwendung zu ostasiatischem Gedankengut und einer wachsenden Tendenz zur Reduktion. Seine Einzeiler knüpfen an die chinesische und koreanische Tradition der Vier-Zeichen-Sprüche und Bildgedichte an. Manche sind verschmitzt und witzig, andere überraschend, andere wiederum haben den lehrreichen Ton eines Lehrers und Meisters. Genau in dieser Rolle und Verpflichtung sieht Park Hijin den Dichter.
In Himmelsnetz finden sich daher auch Gedichte über seine Vorbilder: Rilke, Tagore, Bashô, Dostojewski. Mein Lieblingsgedicht in Himmelsnetz erzählt von seiner Begegnung mit dem mongolischen Dichter Tschakan. Hauptthema bei Park Hijin ist die dichterische Existenz und der schöpferische Akt des Dichtens, das Streben nach Tugend durch Meditation und freiwillige Askese. Und wie bei den traditionellen koreanischen Sijo begeistert mich die Kreativität, mit der scheinbar bekannten Bildern immer wieder eine überraschende Wendung gegeben wird. Auch sinnliche Körperlichkeit und erdige Erotik sind eingewoben in die filigrane Symbolik philosophischer Natur- und Liebesgedichte. Langgedichte wie Hände und Zunge kreieren Kaskaden berauschender Assoziationen. Der Einsiedler Park Hijin nimmt das Leben mit wachen Sinnen wahr, mischt sich ein mit viel Liebe zu den Menschen und zur Natur, ohne sich gesellschaftlich engagierter Literatur zu verschreiben. Ein wahrer Klassiker der Moderne.
Dorothea Hoppmann
(Hefte für ostasiatische Literatur, Nr. 43, November 2007)

