Der Wind ist manchmal wie alle - El viento a veces es como todos

Gedichte, zweisprachig: Spanisch - Deutsch

ISBN 978-3-927648-11-1

Einband, broschiert
161 Seiten, 1 Bild
23,6 × 15,6 cm
17,50 Eur[D] / 18,00 Eur[A] / 30,00 sFr

Werkauswahl - Antología personal (1962-2007). Mit einem Bild von Ciro Bustos. Aus dem argentinischen Spanisch von Juana und Tobias Burghardt.

Edition Delta, Stuttgart 2008

Stimmen

Szpunberg bricht das Pathos

Der Argentinier Alberto Szpunberg (geboren 1940 in Buenos Aires) ballt zornig die „Faust des Windes". Sein Zyklus „Exil in El Masnou" gehört zu jenen freirhythmischen Erzählgedichten, die er im spanischen Exil schrieb. Da hatte der Sohn einer jüdischen Familie bereits drei Lyrikbände veröffentlicht, an der Universität Buenos Aires bei Jorge Luis Borges Vorlesungen gehört und war aus der Kommunistischen Partei ausgeschlossen worden, weil er sich für Gedichte der Chinesen Tu Fu und Li Po interessierte. Zeit- und Ortlosigkeit verbieten sich bei dem revolutionär inspirierten Professor für argentinische Literatur von selbst. Seine Abrechnungen mit den einstigen Genossen in Gedichten wie „Die alten Stalinisten" und „17. Oktober" aus den frühen Büchern korrespondieren mit den jüngsten, sentenzhaft knappen Versen über das Wesen der Sprache. Soziales und politisches Engagement zeigt sich noch heute selbst in einfachen Vergleichen: „Frei, / wie eine Menge, welche die Straßen überflutet, / nur die immer offene Geste / des Gedichts." Szpunberg schrieb seine leidenschaftlichsten Gedichte in den sieben Jahren des Exils in und bei Barcelona und Paris. In allen Schaffensperioden ist das Gedicht Teil eines unablässigen Gesprächs - mit der Geliebten, der Tochter, den Gefährten des Widerstandes gegen die Diktatur, den zufälligen Anglern am Fluss, den Lebenden und den Toten. Aus Erinnerungen wächst ihm die Vision von der Kraft des Wortes zu: wackere Utopien, deren Pathos mit alltäglichen Gesten gebrochen wird.

 

DW (Die Welt - Literatur, 2. August 2009)

 

 

Umfächelt von seltsamen Sprachen

Manchmal gelingt Szpunberg auch die Kunst, die Beschreibung von Kleinigkeiten in eine Meditation über die Zeichenhaftigkeit der Welt überzuführen: «Der Rio de la Plata, der breiteste Fluss der Welt, erstreckt sich über die halbe Seite 87, / wo eine zittrige Linie hinabfliesst wie die Zeichnung aller Wasserläufe.» Juana und Tobias Burghardt haben diese Bewegung gut im Deutschen nachgebildet. Am Ende der Gedächtnisreise, die zugleich ein Schweifzug durch Szpunbergs Biografie zu sein scheint, steht der Traum, die Sprache allein könne das Überleben sichern, ein einfaches Wort wie «Brot» etwa, «das knusprige Wort, / genau verteilt, / noch warm, / von Mund zu Mund». Besser kann man die Arbeit der Erinnerung kaum beschreiben.

Nico Bleutge
(Neue Zürcher Zeitung, 2. Juni 2009)


Rezensionsnotiz

Nico Bleutge stellt in einer Dreifachbesprechung Gedichtbände lateinamerikanischer Lyriker vor. Alberto Szpunberg gilt ihm als Grandseigneur der argentinischen Lyrik, der 1940 in Buenos Aires geboren wurde. Neben die philosophischen Betrachtungen über das Meer oder die Wirkung von Worten treten immer wieder eine gewisse Bodenhaftung und die genaue Beobachtungsgabe des Autors, die dem Rezensent offensichtlich sehr zusagen. Wenn sich dann gar aus der Beschreibung von kleinsten Details "Meditationen über die Zeichenhaftigkeit der Welt" ergeben, ist Bleutge gefesselt, der sich auch mit den Übersetzern dieses Bandes sehr zufrieden zeigt.

Perlentaucher - www.perlentaucher.de



Buchhinweis


Aus über zehn der zahlreichen Gedichtzyklen haben die Übersetzer eine repräsentative Auswahl zusammengestellt, die das Werk von Alberto Szpunberg zum ersten Male einem deutschsprachigen Lesepublikum vorstellt. Im Alter von 22 Jahren veröffentliche er seinen ersten Gedichtband. In dem Gedicht „Entwurzelung" aus seinem zweiten Band von 1963 heißt es „ ... mein Großvater kam in dieses Land, aber er kam nicht an ... / er verleugnete das Meer und die Erde, / und selbst der Himmel reichte ihm am Ende nicht aus ..." In den unruhigen Jahren nach 1966 arbeitete Szunberg an der Universität, schrieb für eine Zeitschrift und leitete deren Kulturredaktion. Seine politischen Aktivitäten trieben ihn nach dem Putsch der Militärs in den Untergrund und dann ins Exil. Die späteren in dieser Auswahl vertretenen Gedichte zeigen „einen unverwechselbaren Weg des profunden Betrachtens, der präzisen Hinterfragung, des poetischen Widerstands gegen das Vergessen, der melancholischen Sehnsucht nach Wahrheit und Gerechtigkeit sowie der bisweilen metaphysischen Lauterkeit seiner Poetik", so Burghardt in seinem sehr informativen Nachwort. Und Matthis Ulrich beschreibt die Poesie Szpunbergs und seine mitunter langen Zeilen so: „die Zeilen entsprechen sozusagen langen und langsamen Denkbewegungen ... man geht ihnen gedanklich nach, steigt ein, malt, bewegt sich, es ist eine Poetik der sozusagen atmenden Wörter ..." „Laßt uns klug und besonnen sein: / es geht nicht mehr darum, das Loch in der Sohle zu stopfen, / sondern darum, die Spur auszumerzen, / die im Schnee hinterlassen wird von einem barfüßigen Menschen." Dem ist nichts hinzuzufügen.

 

Klaus Küpper
(Bücher zu Lateinamerika)

 


Wo der Löffel schwimmt wie ein Schiff

Alberto Szpunberg gehört zu den großen alten Herren der argentinischen Dichtung. 1940 in Buenos Aires geboren, kam er früh mit den politischen Wirren seines Heimatlands in Berührung. Das "dunkle Herz der Erinnerung" pocht in beinahe jedem seiner Verse. Die freirhythmischen Erzählgedichte gefallen sich in Meditationen über das Meer ebenso wie in Gedanken über das subkutane Wirken der Worte: "Dieses leise Gespräch, das die Stille fortsetzt und von der Stille leise fortgesetzt wird." So anspruchsvoll diese Überlegungen auch klingen mögen - Alberto Szpunbergs Gedichte sind doch angenehm frei von allen überdehnten Begriffen. Den philosophischen Einsprengseln zum Trotz begibt er sich immer wieder in Bodennähe und hält die Augen offen, um die winzigen Dinge zu verwandeln. Die Frage eines Kindes nach der Zeit genügt, und schon wird ein schlichter Suppenlöffel zum poetischen Wunderwerk: "Heute ist heute, sagst du ihr, und morgen ist morgen, aber du lächelst / und zeigst ihr, dass der Löffel auf der Suppe schwimmen kann wie ein Schiff, / ein schwerer Dampfer, der hinfahren und zurückkommen kann, auch zurück."

Nico Bleutge
(Stuttgarter Zeitung, Das Buch, 12. September 2008)


Buchbesprechung


„Jedes Gedicht ist ein Abschied / und ein Gruß", schreibt Alberto Szpunberg, Jahrgang 1940, Literaturprofessor und Jounalist, der bereits 1962 seinen ersten Lyrikband herausbrachte. Mit ,,Der Wind ist manchmal wie alle'' liegt nun eine zweisprachige, chronologische Werkauswahl vor, die den gebürtigen Argentinier im deutschen Sprachraum bekannt macht. Eine wertvolle Entdeckung, obgleich das Lob nicht uneingeschränkt ausfallen mag. Szpunberg bewegt sich auf einem Feld zwischen herrlicher poetischer Leichtigkeit und schwerer, sprachverschlungener Kost. Alleine die kleinen Meisterstücke, die in Tief- und Scharfsinn das Dasein, die Sehnsucht, die Liebe und die Wirklichkeiten umkreisen, lohnen allerdings die Lektüre. ,,Um dich zu fassen, nur und gerade die Fingerspitzen: / nur von der Luft lernt die Zärtlichkeit, dich zu halten'' - das sind zärtliche, fragile Bilder. Immer wieder kommt der Wind als Metapher vor, die Weite des Meeres - sogar am Eßtisch: ,,Heute ist heute, sagst du ihr, und morgen ist morgen, aber du lächelst / und zeigst ihr, daß der Löffel auf der Suppe schwimmen kann wie ein Schiff / ein schwerer Dampfer, der hinfahren und zurückkornmen kann, auch zurück.'' Manche Gedichte reißen unvermittelt wie ein Strudel mit, als Meister der Stimmungen und leisen Töne spielt Szpunberg seine größten Stärken aus. Doch leicht zu fassen ist er nicht, zumal mancher Gedankensplitter ins Mark geht: ,,Die Sonne zerreißt den Nebel / der sich bemüht, sie zu verdecken / wie die Erinnerung / das Vergessen zerstreut. / Jede Abwesenheit - 30.000 Abwesenheiten - ist Lüge.'' In schmerzlicher Anklage halt Szpunberg das Gedenken an die 30.000 Verschwundenen der argentinischen Militärdiktatur aufrecht. Er selbst stand auf einer Todesliste und gelangte 1977 über Paris ins Exil nach Barcelona.

Andreas Drouve
(Hispanorama 121, August 2008)



Der Buchapplaus


Wer ist Alberto Spzunberg? Ein Poet, ein Wanderer, ein reisender Dichter, dessen Vorfahren aus dem bessarabischen Kolorash kamen und der selbst in Buenos Aires (übrigens am 28. September 1940) geboren wurde. Buenos Aires - das muss betont werden, denn wäre sein Großvater in Kolorash geblieben, wäre die Familie vermutlich von den nationalsozialistischen Haschern ermordet worden. Jiddisch und Spanisch waren seine Muttersprachen, er transferierte die jiddische Sprachmusik in das Spanische und das Spanische ins Jiddische. In seiner Jugend lernte er Jorge Luis Borges kennen, der ihn mit der englischen Literatur vertraut machte. Erste Gedichtblinde erschienen und sein Studium der klassischen Literaturen und Sprachen führte ihn an die Universität Buenos Aires. Der Putsch der Generäle zwang Spzunberg mit der Familie ins Exil nach Spanien. Seine Dichtungen aber gingen weiter und entwickelten ihre besondere Poetik, die sie bekannt gemacht hat. Spzunberg scheut nicht die extrem langen Zeilen: Herbstfeierlichkeiten sind jene zarten Rauchschwaden, jenes Säulchen, das von den angehäuften Zedrachbaumblättern aufstieg... die Zeilen entsprechen sozusagen langen und langsamen Denkbewegungen, sie sind von Bewegungsverben geformt, man geht ihnen gedanklich nach, steigt ein, malt, bewegt sich, es ist eine Poetik der sozusagen atmenden Wörter, der Wörter, die Raum geben und Weite. Spzunberg tut das in seinen Gedichten virtuos, ein Seiltänzer auf dem Sprachseil, das die Wörter miteinander verbindet. Juana und Tobias Burghardt gelingt es dabei, diese Gedankenbewegungen sehr genau ins Deutsche zu übersetzen, wo sie mindestens so nachhaltig wie im Spanischen wirken, denn das Deutsche ist gut geeignet für solche langen Satzbewegungen.

Matthias Ulrich
(NOXIANA - Nr. 8, Sommer 2008)

 


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